Ja, jetzt wirds wieder langweilig. Ihr wisst, was kommen muss. Hier sind sie also: Die für mich 10 besten Alben dieses Jahres.

Platz 10: Parajubu - self titeled: Zu diesem Album der Aachener Experimentalrocker gab es bereits eine ausführliche Besprechung. Nach wie vor denke ich, dass Parajubu mehr Aufmerksamkeit verdient hätten, auch über Aachen hinaus. Dieses Album befand sich bei mir bis in den Sommer hinein in Dauerrotation, handwerklich und kompositorisch ein Hochgenuss.

Platz 9: Feist - Metals: Ist das nun anspruchsvolle Popmusik oder brave Noch-Avantgarde? Kann ich auch nicht sagen. Sicher ist, dass Leslie Feist sich seit dem viel beachteten zweiten Album “Let It Die” mutig weiterentwickelt hat. “Metals” macht nicht da weiter, wo das 2007er-Album “The Reminder” aufgehört hat. Die neue Scheibe ist ein bisschen unzugänglich und experimentell. Jan Wigger schrieb im Spiegel, dass der Name “Metals” richtig gewählt sei, weil das Album “kalt” sei. Das sehe ich komplett anders. Leslie erzeugt eine fast schon intime Atmosphäre, große Teile der Platte wirken so, als seinen sie in einem kleinen Theater live eingespielt worden. Frau Feist war noch nie eine große Sängerin und musikalische Perfektion hört sich auch anders an. Aber man kann wunderbar mit der Platte tagträumen.

Platz 8: The Human Abstract - Digital Veil: Jetzt wird es endlich metallisch: Die neue Platte von The Human Abstract gehört zu den Veröffentlichungen aus 2011, die eindeutig mehr Beachtung verdient gehabt hätten. Ich habe bereits kurz angerissen, warum mir das Album so gut gefällt, es ist der Balanceakt zwischen Düdeligkeit und wuchtiger Präzision. Man mag THA vorhalten, dass sie auf gleichem Kurs segeln wie “Between The Buried And Me” es früher taten. Allerdings gibt es auf “Digital Veil” Passagen, die wir auch auf einer der besseren Platten von “Queen” finden könnten. Es handelt sich hier um eine Schwermetall-Operette erster Kajüte und deshalb mag man auch gar nicht bekritteln, dass das Album zum Teil ein bisschen überproduziert und kitschig daherkommt.

Platz 7: Origin - Entity: Klar, mindestens eine richtige Knüppelplatte muss in dieser Bestenliste enthalten sein. Der technische Death Metal von Origin spaltet die Szene, nicht weil die Musik so extrem wäre (na gut, sie ist für den Durchschnittskonsumenten extrem extrem), da muss man nur an “Braindrill” und Konsorten erinnern. Nein, es ist ziemlich offensichtlich, dass die Formation aus Kansas, USA viele Metaller überfordert, weil sie aus meiner Sicht den Kern des Genres ohne jeden Kompromiss rüberbringt: Da swingt nichts, es regiert brutale Kälte und technische Brillanz, aber so richtig böse sind “Origin” trotzdem nicht und genau das fehlt den Konsumenten, die sich gerne mit “Dying Fetus” und ähnlichen Bands abgeben. Vergleicht man die aktuelle Langrille mit dem 2008er-Album “Antithesis”, dann kann man konstatieren, dass die Produktion noch ein bisschen transparenter und der Gesang stark verbessert ist. “Entity” ist verdammt nah dran an maschineller Perfektion, da muss man dann wohl auch hinnehmen, dass das Schlagzeug sehr vertriggert ist. Wer nicht auf Sweeping und Highspeed-Blasts steht, wird mit dem Album nichts anfangen können. Alle anderen können die volle Spielzeit genießen ohne mit den Füssen zu wippen (zu schnell), ohne Headbanging (zu kalt) und mit ganz wenigen Momenten des Durchatmens.

Platz 6: Fair To Midland - Arrows & Anchors: Ich nenne die Musik von Fair To Midland Progressive Rock, wer jetzt an Yes, Pink Floyd und King Crimson denkt, wird diese Meinung nicht teilen. Kein Wunder, die Band trat schon in Wacken auf, hat durchaus kernige und flotte Passagen, sogar mit Growls und Doppelbassdrum, in ihren Stücken und veröffentlicht auf dem Label des System Of A Down Frontmanns Serj Tankian. Vielleicht ist es gerade die Variablität und der Mut zum stilistischen Bruch, die für mich die Faszination von FTM ausmachen. Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, wenn man versuchen würde alle Bands zu nennen, die das amerikanische Quintett beeinflusst haben. Um so bemerkenswerter ist es, dass die Formation einen unverwechselbaren eigenen Markenkern etabliert hat, der zu einem wesentlichen Teil aus dem markanten, glockenklaren und trotzdem sehr kraftvollen Gesang von Darroh Sudderth besteht. Die Arrangements von FTM sind ausgefeilt und mit viel Liebe zum Detail ausgeführt. Alles klingt leicht und spielerisch, trotzdem erdig und nicht gekünstelt. Radiotaugliche Hooklines und anspruchsvolle Breaks wechseln sich ab. Diese Gratwanderung gelingt nicht oft - Hut ab.

Platz 5: Textures - Dualism: Auch diese Platte habe ich bereits vor kurzem besprochen. Seit sie auf meinem iPod und iPhone gelandet ist, gehört sie zu den meistgehörten Alben des zweiten Halbjahres. Das liegt daran, dass man bei aller Eingängigkeit auch beim hundertsten Durchlauf noch Neues entdecken kann. In einer Kritik zu dieser Platte habe ich gelesen, Textures seien die weichgespülte Variante von “Meshuggah” mit einem Schuss “Dream Theater”. Wenn das so ist, kann man der Band kein größeres Kompliment machen.

Platz 4: Tom Waits - Bad As Me: Herr Waits hätte es ja gar nicht nötig, eine neue Platte zu machen. Er hat diesem Planeten und dem Verfasser bereits so viele unvergessliche Momente beschert, dass einem die Spucke wegbleibt. “Bad As Me” repräsentiert einerseits einen Anknüpfungspunkt an den Gipfel des Waits`schen Schaffens, der sicher mit den Alben “Swordfishtrombones” und “Franks Wild Years” erreicht wurde, andererseits ist das neue Album ein ganzes Stück braver als die avantgardistischen Werke a la “Bone Machine” und “Alice”. Wir dürfen annehmen, dass sich Tom in letzter Zeit beim Whiskykonsum zurückgehalten hat, denn die vergleichsweise immer noch völlig kaputte Stimme wirkt runderneuert und merkwürdig frisch. Vor ein paar Tagen ist Tom 62 geworden. Von da her kann es nicht verwundern, dass weniger Wut, sondern eine gewisse Altersmilde kennzeichnend für die neuste Veröffentlichung ist, das gilt jedoch nicht für die Texte des Albums, in denen er eine messerscharfe Analyse einer zerfallenden westlichen Kultur liefert (”Chicago”, “Talkin At The Same Time”) und uns natürlich auch, wie gewohnt, mit den schrulligsten und gleichzeitig liebenswertesten Typen bekannt macht (”Pay Me”, “Satisfied”). Tom Waits ist ohne Zweifel einer der großartigsten Songwriter und Arrangeure der letzten 4 Jahrzehnte, seine Konsequenz ist beispielhaft und seine Vitalität und sein Esprit lassen uns atemlos zurück.

Platz 3: Machine Head - Unto The Locust: Auch hier möchte ich auf einen früheren Beitrag verweisen, dem ich nicht viel hinzufügen will. “Unto The Locust” ist meiner Ansicht nach das beste “klassische” Metal-Album des Jahres, ohne Schnörkel, bemerkenswert kraftvoll und kein bisschen innovativ. Man kann Thrash-Metal nicht ständig neu erfinden, aber das ist ja auch gar nicht nötig. Gute Stücke sprechen für sich und “Machine Head” treten den Beweis an, dass man auch nach Jahrzehnten im Geschäft überhaupt nicht abgenutzt sein muss. Man merkt einfach, dass die Band große große Lust hatte, dieses Album zu machen.

Platz 2: Primus - Green Naugahyde: Meiner ausführlichen Kritik zum neuen Album von Primus will ich noch ein paar Zeilen hinzufügen, weil ich mir seit der Veröffentlichung im September dieses Jahres an dieser Scheibe wirklich die Ohren wund gehört habe. Inzwischen denke ich, dass es die beste Platte des Trios seit dem “Braunen Album” ist. Dafür gibt es drei Gründe: Erstens ist “Green Naugahyde” mit großem Abstand die Platte von Primus, die am besten klingt. Die Produktion ist unfassbar kompakt, klar, natürlich, mir gehen die Adjektive aus. Wenn man das Album in ausreichender Lautstärke über Kopfhörer genießt, fragt man sich, wie sie das hinbekommen haben. Der Sound ist zum Niederknien (Und mindestens ein Rezensent bei Amazon sollte sich mal seine Ohren untersuchen lassen). Zweitens wird klar, dass trotz des minimalistischen Ansatzes von Primus, jedes der drei Mitglieder genug Platz hat, sich auszuleben und das auf eine äußerst angenehme, schlichte Art und Weise. Auch wenn die Beiträge von Les Claypool bestimmend sind, Gitarre und Schlagzeug besetzen gekonnt die geboten Nischen und Erker und das Gesamtergebnis wird mit jedem Durchlauf runder. An dieser Platte ist nichts zu viel und nichts zu wenig, das können nur ganz wenige. Und drittens ist “Green Naugahyde” eben kein weiteres Solo-Projekt von Claypool. Alle Kritiker, die ständig Parallelen zwischen “Fungi And Foe” und GN suchen, sollten noch mal genau hinhören. Das neue Album (es wurde übrigens in zwei Tagen aufgenommen, unfassbar) schlägt den ganz großen Bogen, bietet einerseits den Session-Charakter der ganz frühen Aufnahmen und andererseits die verbastelte Verschrobenheit der Vorgänger-Alben. Nein, es ist kein Abräumer a la “Tommy The Cat” auf der Platte. Na und?

Platz 1: Puscifer - Conditions Of My Parole: Trommelwirbel: Meine Lieblingsplatte des Jahres ist kein Haudrauf-Album, kein Mathcore, kein Metal, sondern eine elektronische Bastelplatte mit vielen sehr gefühlvollen Stücken. “Puscifer” ist ein Projekt des Tool-Sängers Maynard James Keenan. Jetzt könnte man natürlich denken: Ach, der olle Skidman hat so große Sehnsucht nach der neuen Platte von “Tool”, die auch dieses Jahr wieder nicht erschienen ist, dass er mit dem Surrogat vorlieb nimmt, aber das ist es nicht. Man kann mit “Conditions Of My Parole” auf eine wunderbare, ziellose Reise gehen, das Album ist wie ein Road Movie. Bekannte Motive ziehen an uns vorbei, Schlaglöcher, aber keine scharfen Kurven unterbrechen die Eintönigkeit. Und über allem liegt der hypnotische Gesang von Keenan, der irgendwie seinen Frieden mit der Welt gemacht hat. Akustische Samples, Schrammelgitarren und Synthie-Streicher treffen auf weitere Bauteile aus dem Elektronikbaukasten. Die Atmosphäre gleicht einer geschlossenen Wolkendecke mit ganz wenigen Lücken, durch die scharfe Bündel goldenen Sonnenlichts gleißen. Die bisherigen Veröffentlichungen von “Puscifer” setzten auf Provokation, nicht so sehr musikalisch, sondern vor allem in den Textaussagen und den übrigen Bestandteilen des Vermarktungskonzeptes (Webseite, Merch, etc.). Davon hat man sich gelöst. Das aktuelle Album ist subtil, trotzdem eingängig. Es ist schlicht, trotzdem immer wieder überraschend. Es ist kopfig und geht trotzdem zu Herzen. Und es gibt natürlich schon Parallelen zu “Tool” und “A Perfect Circle”: “Conditions Of My Parole” ist dicht, stimmig, selbsttragend, eben Musik von ganz großen Könnern.
So ganz schnell noch die Alben, die knapp an der Top 10 vorbeigeschrammt, aber durchaus erwähnenswert sind: “Scurrilous” von “Protest the Hero” war eigentlich schon fest vermerkt, bot aber zu wenig Neues. “The Hunter” von “Mastodon” litt unter der zu starken Konkurrenz. “Ruining it for Everybody” von “Iwrestledabearonce” ist durchaus bemerkenswert, aber doch leider ein ziemlicher Abfall gegenüber dem sagenhaften Vorgänger. “Let England Shake” von “PJ Harvey” traf zu spät ein, um sich nachhaltig festzusetzen und “The King Of Limbs” von “Radiohead” erwies sich auf Dauer doch als zu bemüht und unzugänglich.
Die größten Enttäuschungen des Jahres sind für mich: “I`m With You” von den Chili Peppers, eine bodenlose Frechheit, dann “Eternal Youth” von “Rolo Tomassi” wegen der zweiten Hälfte des Doppelalbums, die überflüssig wie ein Kropf ist. Den Vogel abgeschossen haben “Opeth” mit “Heritage”, die ich bereits verrissen habe. Die Platte ist eine gelangweilte Unverschämtheit.
Note to self: Kaum eine Reaktion. Schade auch. Musik: Na was wohl? Die Top 10 des Jahres!