
zwischenruf 6/2009
"Stell dich nicht der Wahrheit in den Weg, dann wird sie dich erreichen.”
(persisches Sprichwort)
Nachdem schon im Mai kein Zwischenruf veröffentlicht wurde, muss ich mich sputen, um im Nachwonnemonat wenigstens etwas halbwegs Substanzielles unter die Leute zu bringen. Dieser Zwischenruf ist grün. Und er ist allen Iranern und Iranerinnen gewidmet, die in den vergangenen Tagen ermordet, verletzt, verprügelt, verhaftet, bespitzelt und eingeschüchtert wurden. Er möchte diejenigen ermutigen, die sich nicht mundtod machen lassen, sondern mit ihrem friedlichen Protest ihrer Verachtung für ein kriminelles System der Unfreiheit und des himmelschreienden Unrechts Ausdruck geben.
Blicken wir einmal zurück auf die letzten knapp 60 Jahre der iranischen Geschichte, dann können wir vielleicht besser verstehen, warum die sogenannte Islamische Republik so aussieht, wie sie heute aussieht. Die Perser sind ein stolzes Volk, das über Jahrtausende die Geschichte der alten Welt mitgeprägt hat. Auch wenn der Einfluss imperialer Mächte auf den Iran mitunter sehr groß war, wurde das Land nie Kolonie, sondern etablierte Anfang des 20. Jahrhunderts in Selbstbestimmung eine Verfassung, die durchaus nach europäischem Vorbild gestrickt war. Als der demokratisch gewählte Präsident Mossadegh 1951 die Verstaatlichung der Ölindustrie durchsetzte, um der Ausbeutung durch britische und amerikanische Konzerne einen Riegel vorzuschieben, beschlossen die Angelsachsen, sich den Zugriff auf die weltweit zweitgrößten Erdölreserven weiterhin zu sichern. Das weitere ist bekannt. CIA und MI6 initiierten einen Staatsstreich, setzten den Schah wieder ein und schufen ein verhasstes Marionettenregime. Zeitweise hatten die USA 40.000 und die Briten 10.000 "Militärberater" im Iran. Darin liegt die Wurzel der antiamerikanischen und antibritischen Ressentiments, die in der iranischen Bevökerung weit verbreitet sind. Wenn man heute Filmaufnahmen sieht, die die absonderlichen Feierlichkeiten zeigen, in deren Rahmen sich der Schah zum Nachfolger eines Dareios oder Xerxes ausrufen ließ, dann kann man nur mit dem Kopf schütteln. Die in den nächsten Jahren verfolgte Hegemonialpolitik hatte letztenendes vor allem ein Ziel, nämlich die Ölversorgung der westlichen Welt sicherzustellen. Auf die tradierten Werte und Prinzipien der schiitischen Bevölkerung wurde dabei wenig Rücksicht genommen. Der heute "Islamische Revolution" genannte Umsturz von 1979 begann als Volksbewegung, die von Interlektuellen und demokratischen Kräften angeführt wurde. Dabei war Chomeini zunächst nur eine Symbolfigur, die die islamische Werteordnung als gesellschaftlichen Minimalkonsens verkörperte. In seinem Sog gewannen religiös motivierte Traditionalisten die Oberhand und füllten das Machtvakuum nach der Vertreibung des Schah bereitwillig aus. So kam es zur Ausbildung der islamischen Republik, wie wir sie heute kennen: Ein wenig transparentes System, dass sich auf die geistlichen Eliten, paramilitärische Verbände und kaum gebildeten tiefreligiösen Bevölkerungsanteile stützt. Die gescheiterte Befreiung der Geiseln in der amerikanischen Botschaft und die amerikanische Unterstützung des Aggressors Irak im Golfkrieg tat ein Übriges. Der Iran wurde zum Gegenpol gegenüber westlicher Bevormundung und Unrechtspolitik und zur schiitischen Bastion gegen die sunnitische Mehrheit in der islamischen Welt.
Heute sitzen einige der Revolutionäre von 1979 selber im Exil. Der Antiamerikanismus ist für die junge urban geprägte Bevölkerung fast nur noch Folklore, auf dem Land sieht das anders aus. Die wirtschaftliche Situation hat sich in den letzten Jahren für die meisten Iraner deutlich verschlechtert. Wenn man sich vor Augen führt, dass Iran Probleme hat die Versorgung der Bevölkerung mit Benzin sicherzustellen, weil man nicht in der Lage war entsprechende Raffineriekapazitäten aufzubauen, dann muss man sich schon wundern. Das Misstrauen gegenüber den gemäßigten Kräften und den Interlektuellen ist weiterhin sehr groß. Man darf nicht vergessen, dass die alten Seilschaften der Profiteure des Schahregimes auch aus dem Ausland immer noch im Hintergrund aktiv sind. Die derzeitige Führungselite weiss sehr genau, dass nichts die Nation so sehr einigen kann, wie die gemeinsame Ablehnung der westlichen Einflussnahme. Vor diesem Hintergrund hat die katastrophale Aussenpolitik der Bush-Administration den Machthabern in die Hände gespielt. Sie ermöglichte letztlich erst den Aufstieg Ahmadinedschads mit den bekannten schlimmen Folgen für die zarten Bemühungen um einen Dialog zwischen der islamischen Welt und den westlichen Demokratien. Wenn man berücksichtigt, dass Ahmadinedschad im Grunde Symbolfigur des Antiestablishments und Moussavi eigentlich Mitglied der religiösen Elite ist, dann wird deutlich, wie kompliziert das politische Gefüge im heutigen Iran wirklich ist. Dies spielt im Grunde aber nur eine untergeordnete Rolle, so lange Figuren vom Schlage eines Chamenei und Rafsanjani die eigentliche Macht in den Händen halten. Deren absolute Position wurde während der Präsidentschaft des gemäßigten Mohammad Chatami deutlich. Sämtliche Gesetzesvorhaben, die eine vorsichtige Öffnung zum Westen hätten einleiten können, wurden vom Revolutionswächter eingesackt.
Mit den bekannt gewordenen Manipulationen bei der letzten Präsidentschaftswahl hat das Regime den Bogen überspannt. Zu dreist und offensichtlich waren die Verfälschungen. Ich bin der Ansicht, dass Ahmadinedschad wahrscheinlich auch ohne Betrug knapp gewonnen hätte. Man wollte sich offenbar nicht darauf verlassen. Außerdem denke ich, dass die Protestbewegung tatsächlich nur einen geringen Teil der Gesamtbevölkerung repräsentiert, die schweigende duldsame Mehrheit besitzt weder den erforderlichen Durchblick, noch den Willen, sich gegen die Elite aufzulehnen, die ihre Legimitation aus ihrer Stellung innerhalb des Klerus bezieht und deshalb für die Gläubigen unangreifbar ist. Es ist genau diese Unangreifbarkeit, die die unverhältnismäßige Reaktion des Regimes auf die Proteste bedingt. Gleichzeitig ist die offensichtliche Willkür ein Spiel mit dem Feuer: Je brutaler die Revolutionsgarden und Geheimpolizisten zuschlagen, umso mehr wird sich der Protest von der Frage der Rechtmässigkeit der Wahlen abwenden und auf eine tiefgreifende Reform des undurchsichtigen Machtapparats abzielen. Die Mehrzahl der westlichen Twitterer und Blogger sieht in den Protesten den Wunsch nach der Einführung einer säkularen laizistischen Demokratie. Diese Perspektive ist jedoch naiv und zeugt von einem mangelnden Verständis der Traditionen und des Selbstverständnis des iranischen Volkes. Und tatsächlich wissen viele der Protestierenden zwar gegen welche Personen, Institutionen und Missstände sie auf die Straße gehen. Dagegen zeichnet sich erst ganz allmählich ab, welche neue Ordnung sie befürworten könnten. Und auch wenn es heute so scheint, als habe der Machtapparat die Schlacht zunächst gewonnen, so ist der Krieg damit noch lange nicht entschieden.
zwischenruf 4/2009
"Je rascher die Arbeiterklasse die ihr feindliche Macht, den fremden, über sie gebietenden Reichtum vermehrt und vergrößert, unter desto günstigern Bedingungen wird ihr erlaubt, von neuem an der Vermehrung des bürgerlichen Reichtums, an der Vergrößerung der Macht des Kapitals zu arbeiten, zufrieden, sich selbst die goldnen Ketten zu schmieden, woran die Bourgeoisie sie hinter sich herschleift.”
(Karl Marx, "Lohnarbeit und Kapital", 1849)
Zwar wird dieser Zwischenruf erst im April veröffentlicht, da er aber thematisch und von der Stimmung her in den tristen und viel zu kühlen März passt, wird man mir die Verspätung hoffentlich verzeihen. Der vergangene Monat ist mir sozusagen zwischen den Fingern zerronnen. Auch wenn ich diesem Text ein Zitat von Karl Marx voranstelle, so möchte ich folgendes gleich zu Anfang klar machen: Ich bin mit Sicherheit kein Kommunist. In einer der zahlreichen Fernsehdiskussionen zum Thema Finanzkrise sagte einer der dort versammelten Experten, man solle den Kapitalismus als "natürliches System" bezeichnen, da er unsere ureigensten Triebfedern widerspiegele, nämlich Angst und Gier, und es, so gesehen, zu diesem Wirtschaftssystem gar keine Alternative geben könne. Der Mann hat recht. Insofern ist es schon verwunderlich, mit welcher dreisten Dummheit angesichts des globalen Kolapps die Systemfrage von den Schergen der Mediendemokratie (Illner, Maischberger, Panzer, Plaßberg) heraufbeschworen wird. Trotzdem muss der Marx an dieser Stelle einfach sein, weil er in seinem Werk eine glänzende Analyse der fatalen Grundprinzipien dieses "natürlichen Systems" vorlegt. Also sollte man sich doch eher fragen, mit welchen Einschränkungen der Freiheit die Menschheit leben muss, damit die Auswirkungen der höchst unterscheidlichen Verteilung solcher "Talente" wie Erfindungsreichtum, Durchsetzungsfähigkeit, Durchblick nicht zur Verelendung der breiten Masse führen kann, und mehr noch: Wie man verhindern kann, dass die Ungleichverteilung von Besitz zu einer fortwährenden positiven Rückkopplung führt und sich die Schere zwischen arm und reich ständig weiter öffnet. Wollte man daran wirklich etwas ändern, dann müssten einige "heilige Kühe" sofort geschlachtet werden, ich zähle mal ein paar auf: 1.) Geld darf kein Geld verdienen. Das Prinzip von Zins und Zinseszins gehört abgeschafft. Kollektives Aufstöhnen der sogenannten Realisten: "Wer soll denn dann Investitionskapital bereitstellen und das Risiko des Verlustes tragen?" Gute Frage, der Staat natürlich, denn eine Erkenntnis der gegenwärtigen Finanzmisere ist doch, dass die öffentliche Hand ohnehin letztlich blechen muss. Wir brauchen aber bestimmt keine "City Boys" und "Masters of the Universe", die durch kriminelle Manipulationen des Geldverkehrs zum eigenen Vorteil den Karren vor die Wand fahren. Daraus ergibt sich unmittelbar die zweite Forderung: 2.) Verstaatlichung aller Banken, Beschränkung von Kapitalgeschäften auf solche Transaktionen, die mit dem Eigenkapital der Institute gedeckt sind. Ergebnis wäre eine Wertschöpfung, die auf tatsächlich hergestellten und verkauften Produkten beruht und eben nicht auf Luftbuchungen. 3.) Scharfe Überwachung von Fusionen, Übernahmen, Ausgliederungen und strenge Vorgaben für die Bilanzierung des Geschäftsergebnisses, um der naturgegeben Tendenz zur Bildung von Kartellen und Monopolen entgegen zu wirken. 4.) Erhebliche Besteuerung von Geld- und Sachvermögen, verbunden mit einem angemessenen Freibetrag. Alle Steuersätze sollten nicht in nationalem Rahmen festgelegt werden, sondern sich zum Beispiel an der Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft bemessen, also auf internationalen bindenden Absprachen beruhen. Nur so kann es langfristig zu einer Annäherung verschieden gut entwickelter Länder kommen. 5.) Verbot sämtlicher Einfuhr- und Ausfuhrzölle und Subventionen damit keine künstliche Verknappung, Verteuerung, bzw. Aufblähung und Verbilligung des Warenangebots. Ich schätze, jeder ausgebildete Volkswirtschaftler hat bei der Lektüre dieser Zeilen ein paar mal herzhaft gelacht, seis drum. Ich lasse mich gerne von vernünftigen Argumenten überzeugen, aber ich bin angesichts des kompletten Versagens der sogenannten Eliten nicht länger bereit, mir von den angeblichen Durchblickern Denkverbote erteilen zu lassen. Diejenigen, die so gerne mit nachsichtigem Lächeln die Vorschläge der ständigen Verlierer zurückweisen, weil sie aus ihrem Scheuklappenkosmos nicht herauskommen, oder schlimmer noch, weil sie es schon besser wissen, aber die Interessen ihrer Kaste bedienen wollen, sollten sich klarmachen, dass nicht mehr viel fehlt, bis die Wut sich Bahn bricht. So richtig.
zwischenruf 2/2009
"Es ist verständlich, wenn der Mensch stolz darauf ist, dass er, obgleich nicht durch eigene Anstrengung, die höchste Sprosse der organischen Stufenleiter erklommen hat. Die Tatsache, dass er bis dahin gelangte, anstatt von Anfang an dahingestellt worden zu sein, gibt ihm die Hoffnung, daß er in ferner Zukunft noch höher gelangen werde.”
(Charles Darwin)
Seien wir doch mal ehrlich: Es gibt nur sehr wenige Menschen, die man vorbehaltlos bewundern kann. Bei Künstlern und Sportlern fällt das allein schon deshalb schwer, weil ihr Wirken sozusagen jeweils auf einer Spielwiese des Daseins stattfindet und uns somit nicht wirklich "an der Wurzel fasst", auch wenn die Ergebnisse ihrer Bemühungen uns große Freude bereiten. Politiker und Philosophen neigen leider dazu, das Erreichte bei nächster Gelegenheit für nichtig zu erklären und das Rad immer wieder neu zu erfinden, auch wenn sie es dann anders nennen. Damit können sie als Idole nicht so recht taugen. Bleiben also die großen Wissenschaftler, und ich meine damit vor allem Naturwissenschaftler, als Ziele unserer Anbetung übrig. Jeder von uns könnte sicher eine ganze Reihe von solchen Helden aufzählen und gute Gründe angeben, warum er nun ausgerechnet Einstein, Newton oder Pasteur für den Größten unter den Großen hält. Mein Favourit ist Charles Darwin. Das hat sicher damit zu tun, dass sein bevorzugtes Forschungsfeld die Abstammungs-Biologie war, auch wenn er durchaus als Universalgelehrter betrachtet werden kann, da er von Geologie auch eine ganze Menge verstand und außerdem Medizin, Naturphilosophie und Theologie (!) studiert hatte. Warum bin ich so ein großer Fan? Ich glaube, dass die von ihm formulierte Theorie der Herkunft der Arten und damit auch des Homo sapiens der entscheidende Beitrag war, die Menschen von den Fesseln der religiösen Unvernunft befreien zu können, auch wenn große Teile der Weltbevölkerung diesen Schritt leider noch nicht vollzogen haben. Seit Darwin wissen wir, warum es uns gibt und die Frage nach dem Ursprung verlagerte sich auf die astrale Ebene, auf Urknall, Materie und Antimaterie und das X-Teilchen, somit in eine Dimension, die auch den bedauernswerten Nicht-Agnostikern unter uns im Grunde herzlich egal sein kann. Sicher, die Konsequenzen der Darwin'schen Ergebnisse schmeicheln nicht gerade unserer Eitelkeit, verunsichern uns, weil wir wissen müssen, dass die Herrschaft des Menschengeschlechts auf diesem Planeten endlich ist, lassen uns ratlos zurück, weil der gerade fitteste Vertreter unserer Art im "struggle for existence" ziemlich sicher nicht schön, edel, hilfreich und gut ist, sondern vielleicht das genaue Gegenteil. Deshalb hat Sigmund Freud die Evolutionsheorie als eine der drei Kränkungen der Eigenliebe der Menschheit bezeichnet. Am schwersten ist es, sich einzugestehen, dass es eigentlich auf uns selbst gar nicht ankommt, wenn es um die Zukunft unserer Spezies geht, sondern nur auf einige organische Makromoleküle in uns. Ich nenne das "das phänotypische Dilemma". Vielleicht ist die daraus resultierende Verstörung der eigentliche Grund dafür, dass wir uns gerade so heftig (aber meiner Meinung nach vergeblich) darum bemühen, die grundlegenden Mechanismen der Evolution durch den medizinischen und humanbiologischen Fortschritt bestmöglich auszutricksen. Abschließend noch eine kleine Anekdote zum Thema "Darwin Award": Vor ein paar Jahren befand ich mich mit einigen Kollegen auf der Rückfahrt von einem Freilandexperiment irgendwo auf einer engen und extrem kurvigen Landstraße in South Yorkshire, als ein Motoradfahrer unser Auto mit halsbrecherischer Geschwindigkeit und Schräglage überholte. Während die Fahrerin dem Biker einige nicht zitierbare Flüche im lokalen Dialekt hinterherschickte und sich gar nicht beruhigen konnte, zuckte der Beifahrer nur mit den Schultern und bemerkte in trockenstem Ostküsten-Amerikanisch: "That's natural selection Sarah, it's a good thing."
zwischenruf 1/2009
"Warum sollten die Araber Frieden schließen? Wäre ich ein arabischer Führer, würde ich niemals mit Israel verhandeln. Das ist ganz natürlich: Wir haben deren Land genommen. Sicher, Gott hat es uns versprochen, aber was geht die das an? Unser Gott ist nicht deren Gott. Wir stammen aus Israel, aber das ist 2000 Jahre her, und was interessiert die das? Es gab Antisemitismus, die Nazis, Hitler, Auschwitz, aber war das deren Schuld? Das Einzige, was die sehen ist: Wir kamen her und stahlen ihr Land. Warum sollten die das akzeptieren?”
(David Ben Gurion)
Man möchte ganz unten anfangen, ganz von vorn. Man möchte die Geschichte Israels aufarbeiten vom Beginn der Diaspora über die Anfänge der zionistischen Bewegung, den Völkermord an den europäischen Juden, die Zeit des britischen Mandats, die arabisch-israelischen Kriege, die gezielte Vertreibung der Palästinenser und die jüdische Besiedlung der im 6-Tage-Krieg besetzten Gebiete. Man gibt sich der Hoffnung hin, man könne dann verstehen warum seit mehr als einem halben Jahrhundert ein solch erbitterter Kampf um ein vergleichsweise kleines Land geführt wird mit abertausenden von unschuldigen Opfern auf beiden Seiten. Viel wichtiger noch: Man hofft ermitteln zu können, wer den ersten Stein geworfen hat und somit Verursacher des Gesamtübels ist, so dass man sich auf die richtige Seite stellen kann, die ihre gerechte Sache vertritt. Derlei Bestrebungen fruchten jedoch nicht, im Gegenteil: Je intensiver man sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt, umso mehr gelangt man zu folgenden Erkenntnissen: 1. Israel gehört nicht den Juden. Israel gehört nicht den Muslimen. Israel sollte denjenigen Menschen gehören, die bereit sind trotz aller religiösen und kulturellen Unterschiede in Frieden und Gleichberechtigung dort miteinander zu leben. 2. Beide Konflikparteien sind Opfer verbrecherischer Scharfmacher, die von innen und aus dem Ausland Einfluss nehmen und Interessen vertreten, die nicht die Interessen der Mehrheit der Israelis und Palästinenser sind. 3. Die Existenz Israels in seiner heutigen Form ist die unmittelbare Folge antisemitischer Exzesse in Europa von den mittelalterlichen Progromen bis hin zur Shoa, daher ist der Staat ein Kind unseres Kontinents und insbesondere Deutschlands, für den wir Verantwortung übernehmen müssen. 4. Das palästinensische Volk ist nicht nur Opfer der jüdischen Einwanderungs- und Vertreibungspolitik, sondern von seinen arabischen Brüdern und seinen eigenen Anführern kaltlächelnd verraten und gründlich belogen worden und zwar immer wieder und systematisch. Von vielen Beobachtern und Politikern wird derzeit eine Zweistaatenlösung angestrebt, die den Krieg beenden soll. Ich glaube nicht, dass diese Vorstellung zielführend ist, allenfalls kommt sie als Zwischenlösung in Betracht, um dem gegenseitigen Morden Einhalt zu gebieten. Ein palästinensischer Staat, der die besetzten Gebiete umfassen würde, wäre ohne fortwährende wirtschaftliche Unterstützung nicht überlebensfähig. Je größer die ökonomischen Unterschiede sind, umso instabiler wäre das Konstrukt. Bereits jetzt leben viele muslimische und christliche Araber in Israel friedlich mit den Juden zusammen, auch wenn sie immer noch in vielen Bereichen Diskrimierungen ausgesetzt sind. Eine Verbesserung in diesem Bereich kann nur ganz langsam und in vielen kleinen Schritten erfolgen, wenn beide Bevölkerungsgruppen die Chance bekommen, ein friedliches Miteinander tagtäglich zu erlernen. Warum sollen also die Westbank und der Gazastreifen langfristig nicht dem Staat Israel zugeschlagen werden? Es könnte ein Staat sein, der sich auf in Jahrtausenden immer wieder blutgetränktem Boden als Ergebnis menschlicher Vernunft gegen Hass und Dummheit in die Waagschale wirft.
zwischenruf 12/2008
"Autos sind in gewisser Hinsicht Zirkusfahrzeuge, Vehikel der Aussichtslosigkeit.”
(Peter Sloterdijk)
Nehmen wir mal an, wir würden eine Rangliste der Erfindungen erstellen, die das Leben des modernen Menschen in besonders starkem Maße beeinflusst haben, dann würde das Automobil sicher auf einem der ersten Plätze rangieren. Abgesehen davon, dass durch Kraftwagen der Aktionsradius des Durchschnittsmenschen um ein Vielfaches erweitert wurde und manch einer heutzutage binnen einer Woche locker mehr Kilometer zurücklegt als noch Mitte des 19. Jahrhunderts in einem ganzen Leben bewältigt wurden, ist unsere Beziehung zum "heiligen Blech" von Emotionalität, Liebe und Hass und hormonell gesteuerter Faszination geprägt. In der Bundesrepublik avancierte die Herstellung von Autos zu einer Schlüsselbranche, an der nicht nur ein enormer Anteil von Arbeitsplätzen hängt, sondern die unser ökonomisches Selbstbewusstsein mitbestimmt. Es ist diese besondere und im Grunde irrationale psychologische Beziehung zu einer Maschine, die einige politische und ökologische Fehlentwicklungen in jüngster Zeit bedingt. Die EU hat gerade erst wieder einmal einen weiteren Aufschub für die Automobilindustrie beschlossen, die einer CO2-Kapitulation gleich kommt. Dabei hätte man nach dem unrühmlichen Scheitern sämtlicher Selbstverpflichtungsmodelle absehen können, dass nur strikte Vorgaben und knapp bemessene Fristen die Verantwortlichen wirklich in Bewegung bringen könnten. Die Kraftfahrzeughersteller geben sich gerne einen Anstrich, der von Begriffen wie "Innovation", "High-Tech" oder "Fortschritt durch Technik" geprägt ist. Tatsächlich setzen sie zumindest in Deutschland aber weiterhin auf PS-Wahn, Potenz und verbranntes Gummi. Immer noch beschäftigen sich Herden von Ingenieuren damit, den Sound von Türen, Auspuffanlagen und Motoren so zu optimieren, dass allen -vom ausgewiesenen Hubraumjunkie bis zum vorgeblich vernünftigen Familienvater- das Testosteron in sämtliche Synapsen quellen muss. Wir könnten längst ganz woanders, nämlich viel weiter vorn sein, wenn ein paar einfache Vorgaben seitens der Politik gemacht würden: Keiner, wirklich keiner braucht einen PKW, der mehr als 100 PS leistet. Der Kraftstoffverbrauch pro gefahrenem Kilometer muss auf einen vernünftigen Wert begrenzt werden. Keiner muss schneller als 150 km/h fahren. Keiner braucht elektronische Spielereien und eine zweite Batterie, die das Gesamtgewicht einer Limousine in den Bereich eines Kleinlastwagens treiben. Nur ganz wenige benötigen mehr als ein Auto. Die Zentren städtischer Ballungsräume sind für PKW mit Verbrennungsmotoren zu sperren. Diese Regelungen könnten innerhalb kürzester Zeit beschlossen und umgesetzt werden. In diesem Falle hätte die deutsche Autoindustrie wahrscheinlich sogar eine echte Überlebenschance. So wie es jetzt läuft, wird man wohl den amerikanischen Konzernen folgen, die mit ihrer Spritfresserideologie auf dem Weg in die Insolvenz sind.
zwischenruf 11/2008
"Die Jugend überschätzt das Neueste, weil sie sich mit ihm gleichaltrig fühlt. Darum ist es ein zweifaches Unglück, wenn das Neueste zu ihrer Zeit schlecht ist.”
(Robert Musil)
Keine Angst: Nicht schon wieder Amiland, nicht Obama, nicht schon wieder Hessen, nicht Ypsilanti, nicht schon wieder die Sozialdemokraten. Das Thema dieses Zwischenrufs ist aber nicht weniger bedrückend: In meiner Heimatstadt häufen sich in jüngster Zeit nächtliche und besonders brutale Raubüberfälle, die durch jugendliche Banden verübt werden. Opfer sind nicht ältere Damen, sondern durchaus wehrhafte Männer im jungen und mittleren Alter, die sich auf dem Nachhauseweg befinden. Man nimmt ihnen nicht nur die Geldbörse weg, sondern prügelt sie krankenhausreif, zermschmettert Schaufensterscheiben mit ihren Schädeln, tritt noch nach, wenn das Opfer bereits am Boden liegt. "Hat es doch immer schon gegeben!" werden die einen sagen. "Der Jugend von heute ist nichts mehr heilig!" sagen die anderen und in diesem Falle bin ich geneigt ihnen recht zu geben. Man kann die Geschichte nahtlos fortsetzen mit den Tritten in der Münchener U-Bahn, mit bestialischen Foltermorden in Siegburg und Sondershausen und den ebenfalls von Minderjährigen begangenen grausamen Tötungsdelikten in Rostock, Wismar und Wittenberg. Mit den Gründen für solch abstoßendes Verhalten ist man meist schnell bei der Hand: Killerspiele, Blackmetal, Brutalo-HipHop, ausländische Herkunft, rechtsradikale Gesinnung, Alkoholmissbrauch. Die Soziologen sprechen von einem Mangel an Empathie, also der Fähigkeit, sich in die Situation des Opfers hinein zu versetzen. Ob nicht auch unsere Extremellenbogenkultur, unsere "Unterm Strich zähl' ich"-Mentalität dafür verantwortlich sein kann, gepaart mit der zunehmenden Vereinzelung, bei der Sozialisation nur noch in Chatrooms und Webforen und auf Messageboards stattfindet? Ich bin mir sicher, dass es so ist, und gleichzeitig ratlos, wie man daran etwas ändern könnte. Auch bei der Frage der angemessenen Bestrafung der Täter, weiß ich keine Antwort. Bootcamps nach amerikanischem Vorbild, in denen die Persönlichkeit der Insassen gebrochen werden soll, erscheinen mir genau so ungeeignet wie Segelfreizeiten auf Staatskosten. Härtere Strafen sind schnell gefordert, dabei brauchte es wahrscheinlich einfach weniger milde Richter, die häufiger den Strafrahmen ausschöpfen, vor allem, wenn es sich um Wiederholungstäter handelt. Hier muss Opferschutz vor Resozialisierung gehen. Vielleicht sollte man darüber nachdenken, ob das Mindestalter für die Strafmündigkeit abgesenkt und Jugendliche ab 16 nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden sollten. Klingt schlimm, oder? Skidman als Law-and-order-Mann. Tja, aber so weit haben sie mich, oder ich bin noch nicht weit genug.
zwischenruf 10/2008
"Der Mangel an Urteilskraft ist eigentlich das, was man Dummheit nennt, und einem solchen Gebrechen ist gar nicht abzuhelfen.”
(Immanuel Kant)
Wir leben in einer Lobbykratie, das ist meine feste Überzeugung. Ein Artikel in einem aktuellen Online-Spiegel verdeutlicht das und schlägt in eine mir seit Jahren sattsam bekannte Kerbe, die mir regelmäßig die Zornesröte ins Gesicht treibt. Es geht um die Prüfordnung und andere gesetzliche Regelungen für motorisierte Zweiräder in unserer Republik. Früher galt, dass Besitzer des normalen PKW-Führerscheins Krafträder bis 125 ccm bewegen durften. Damit ist eine Geschwindigkeit von etwa 100 Km/h möglich, die für fast alle Mobilitätsbedürfnisse locker ausreicht. Moderne Viertakter mit diesem Hubraum wären in Zeiten von schmalem Geldbeutel und Benzinknappheit das ideale und relativ umweltfreundliche Fortbewegungsmittel für alle Leute, denen es auch nichts ausmacht, mal nass zu werden. In Italien, Spanien und Frankreich dürfen diese Kräder weiterhin selbstverständlich von PKW-Lappeninhabern gefahren werden. In Deutschland ist das nicht so. Die Fahrlehrerlobby hat unter Hinweis auf die Unfallzahlen dafür gesorgt, dass man den Zusatzführerschein machen muss. Gleichzeitig ist es 16jährigen Jungspunden erlaubt, eine Fahrerlaubnis für sogenannte Kleinkrafträder bis 80 Kubik zu erwerben, mit denen man sich auch ganz locker auf dem Friedhof fahren kann. Ich hätte ja noch Verständnis für eine Regelung, die mit steigendem Alter (und damit ja auch meist steigendem Verantwortungsbewusstsein) eine schrittweise Anhebung des maximal zulässigen Hubraums vorsieht: 50 ccm mit 16, 80 ccm mit 18, 125 ccm mit 21 beispielsweise. Das wäre sinnvoll und ausbaufähig: Man sollte mal überlegen, ob ein Führerscheinfrischling einen Sport- oder Geländewagen mit mehr als 250 PS wirklich beherrschen kann. Inzwischen scheint auch bei den Fahrlehrern die Erkenntnis zu reifen, dass man sich damals ins eigene Fleisch geschnitten hat. War im letzten Jahrhundert der kombinierte Erwerb von Auto- und Motorradführerschein mit dem Erreichen der Volljährigkeit Gang und Gäbe, so wird heutzutage oftmals nur der Lappen für Dosen gemacht, man spart immerhin ein paar hundert Euro. Kann oder will man sich dann kein Auto leisten, bleibt eben nur eine Zweitakt-Fuffi (Viertakt zieht nicht) übrig, mit der man dann mit sagenhaften 45 Km/h selbst in der Innenstadt ein Verkehrhindernis darstellt und die Luft verstänkert. Keine Frage: Die Damen und Herren Volksvertreter, die dafür verantwortlich sind, sind entweder gut geschmiert worden, oder man hat ihnen einfach kräftig ins Hirn geschissen.
"Amerika ist wie ein großer freundlicher Hund in einem kleinen Raum. Immer wenn er mit dem Schwanz wedelt, wirft er einen Stuhl um.”
(Arnold Joseph Toynbee)
Wieder dieser Jahrestag. Jeder von uns weiß genau, was er am 11. September 2001 gemacht hat. Ich war damit beschäftigt in einer niederländischen Filiale eines schwedischen Möbelhauses einen roten Blechschrank umzutauschen, der mit zwei linken Türen ausgeliefert worden war. Sieben Jahre später blicke ich auf ein paranoides, tief gespaltenes, bigottes und unfassbar ignorantes Land, dessen Wirtschaft auf tönernen Füssen steht und dessen Außenpolitik eine Ansammlung idiotischer Fehlschläge ist. Ich sehe ein Land, das seinen Zenith bereits seit langem überschritten hat, das von religiösen Fundamentalisten beherrscht wird, die Glauben gegen Wissenschaft und Wahrheit eingetauscht haben, die dafür sorgen, dass Schüler mit Absicht dumm gehalten werden. Ich sehe ein Land in dem eine Kandidatin für die Vizepräsidentschaft von Bühnen herunter verkündet, der Irakkrieg sei Gottes Wille, Sexualaufklärung sei Teufelszeug, Enthaltsamkeit für Minderjährige die angemessene Form der Verhütung und jedermann sollte das Recht haben, ein Sturmgewehr bei sich zu Hause zu haben. Der Gipfel der Posse ist, dass die ungewollte Schwangerschaft der minderjährigen Tochter dieser Kandidatin auch noch für ein sattes Plus in den Umfragen sorgt. Es gab Zeiten, da hat Europa atemlos über den Atlantik geblickt, hat nicht schritthalten können mit der amerikanischen Sehnsucht nach Freiheit und Gleichheit, mit der wirtschaftlichen Dynamik, mit dem sympathischen Glauben an die eigene Unverwundbarkeit und Stärke. Man kopierte gnadenlos und errichtete auf den Trümmern des am Weltkrieg zerborstenen Kontinents einen neuen alten Erdteil aus Rock'nRoll, Coca Cola, Skateboards und Aerobic. Selbst als das wunderschöne Bild nach Vietnam, Kennedymord, Watergate, Pershing II und Nicaragua Risse bekam, wurde man als antiamerikanischer Europäer (und besonders als antiamerikanischer Deutscher) als undankbarer Idiot, als kommunistischer Nestbeschmutzer beschimpft. Diese Zeit ist vorbei. Das amerikanische Zeitalter neigt sich dem Ende zu, das ostasiatische dämmert herauf. Dieses Land, in das ich übrigens niemals einen Fuß setzen werde, hat es nicht besser verdient.
zwischenruf 8/2008
"Für mich haben die Olympischen Spiele erst jetzt begonnen: mit dem Synchronschwimmen.”
(Michael Antwerpes)
Nein, eigentlich wollten wir ja gar nicht zuschauen. Olympia-Boykott am eigenen Fernsehschirm hatten wir uns vorgenommen, für uns selbst, schon allein der Sendezeiten wegen. Eine eigenhygienische Maßnahme. Dann riskierten wir bei der Eröffnungsfeier doch mal einen Blick. 2008 Trommler, absolut synchron, und wir blieben hängen vor der Glotze. Es ist doch irgendwie merkwürdig: Seit die Wettkämpfe begonnen haben, hört man kaum noch etwas von Menschenrechten, Pressefreiheit, Tibet. Selbst wenn mal ein begleitender Beitrag über Peking oder die Chinesen als Rahmenprogramm bei den Übertragungen gesendet wird, lässt man sich lieber über die exotischen Seiten der chinesischen Küche aus, als über die vorher gebrandmarkten Mißstände. Nicht mal die Luftqualität spielt noch eine Rolle in der Berichterstattung und als die Marathonläuferinnen an Parks und idyllischen Flüsschen vorbeirauschten, konnte man sogar auf den Gedanken kommen, Peking sei eine grüne Stadt. Dazu muss man vielleicht wissen, dass noch zu der Zeit, als das Bewerbungsvideo für das IOC gedreht wurde, vor den Aufnahmen Kulis mit grüner Sprühfarbe losgeschickt wurden, um das verdorrte Gras auf den Verkehrsinseln und Plätzen mit einem frischen Kleid zu versehen. Das bleibt eben trotz all der anrührenden Momente (Der verletzte Hürdenstar Liu Xiang, der weinende Superschwergewichtheber Matthias Steiner, die Umarmung der russischen Schützin Natalja Paderina und ihrer georgischen Kollegin Nino Salukwadse, die von Krämpfen heimgesuchte Paula Radcliffe) übrig. Was wir sehen und sehen sollen von diesen Spielen hat mit der chinesischen Wirklichkeit nicht viel zu tun. In einer Randnotiz wurde berichtet, sämtliche in Peking angemeldeten Proteste der einheimischen Bevölkerung während der Wettkämpfe hätten nicht stattgefunden, da die potentiellen Demonstranten die Anträge selbst zurückgezogen hätten. Man habe ihnen von staatlicher Seite zugesichert, sich um ihre Belange zu kümmern. Ganz bestimmt hat man auch ihre Adressen notiert. Und sobald man das Potemkinsche Dorf Olympia wieder abgebaut hat, wird das Regime wieder mit ganzer Brutalität zuschlagen. Nicht höher, schneller, weiter, sondern härter, unbeobachteter, unerbittlicher.
zwischenruf 7/2008
"Wer die Welt beherrschen will, muß das Öl im Griff haben. Alles Öl. Wo es auch sei.“
(Michel Collon)
Schätzungen gehen davon aus, dass bei der Herstellung von 90% aller Produkte, die wir konsumieren, Erdöl verbraucht wird. Außerdem kann man vermuten, dass für den Transport fast aller Güter Öl verwendet wird. Deshalb geht die Preisexplosion des wichtigsten Rohstoffs eben uns alle an, nicht nur den lernresitenten SUV-Fahrer, der auf hundert Kilometer 12 Liter durch den Motor jagt und grinsend erklärt, er könne sich das leisten (Wahrscheinlich wird die Mehrzahl dieser idiotischen Spritfresser ohnehin vom Steuerzahler subventioniert, da es sich um Firmenwagen handelt. Ein Irrsinn, der pro Jahr 2,5 Milliarden Euro kostet.). Ich frage mich: Wie schnell werden wir die Auswirkungen der Post-Peak-Oil-Ära, denn in dieser befinden wir uns meiner Ansicht nach bereits, wirklich zu spüren bekommen? Wann wird die Regionalisierung der Produktion zum Trend und das Geschwafel von der Globalisierung als kurzfristige Idiotie entlarvt werden? Wann wird der letzte Flieger mit Nordseekrabben zum Pulen nach Nordafrika fliegen? Wann werden Plastiktüten so teuer, dass wir sie bis zum endgültigen Verschleiß wiederverwenden? Wann werden die Medien aufhören Supersportwagen mit mehr als 300PS vorzustellen? Wann werden die Kinder, denen man erzählt, man sei früher jeden Tag Auto gefahren, meistens allein und gerne auch Strecken unter 3 Kilometer, ungläubig den Kopf schütteln? Wann werden wir nicht mehr übers Wochenende nach Malle fliegen, sondern alle paar Jahre mit dem Zug ins nächste Mittelgebirge fahren? Wann werden wir wieder die ersten Pferdefuhrwerke in den Straßen sehen? Viele Fragen und eine Antwort: Bald, schon sehr bald. Wer heute 40 oder jünger ist, wird all dies sehr wahrscheinlich noch erleben. Einige andere Fragen sind nicht so leicht zu beantworten: Wieviele Menschen werden in den Kriegen um die letzten Lagerstätten umkommen? Wieviele Menschen werden durch die Versprittung von Lebensmitteln verhungern? Wieviele Menschen werden noch übrig sein, wenn der Umstieg wirklich geschafft ist? Ich weiß es nicht, aber sie werden auf die Überreste unseres dummen Starrsinns blicken und nicht aufhören können zu lachen oder zu weinen, während sie zu Fuß nach Hause gehen.
zwischenruf 6/2008
"Regierung ist nicht Vernunft, nicht Beredsamkeit - sondern Gewalt."
(George Washington)
Obama also, auch wenn Frau Clinton noch zuckt. Zumindest scheint die Hängepartie, die jedem Beobachter bereits seit Wochen zum Hals herauskommen musste, vorerst beendet zu sein. Damit bewerben sich zwei Kandidaten um das Präsidentenamt, die wenigstens nicht zum politischen Establishment gehören, doch gibt dies Anlass zur Hoffnung für eine Hegemonialmacht, die sich unaufhaltsam auf dem Weg nach unten befindet? Es bleibt schlicht zu wenig Raum für die gegenseitige Abgrenzung für beide Bewerber, denn beide werden versuchen müssen, bei denjenigen Wählergruppen einer tief gespaltenen Nation zu punkten, die eben nicht zu ihrer Klientel gehören. Wir werden also erleben, wie Obama mit aufgesetzter Hemdsärmeligkeit um die Stimmen der bildungsfernen Flyovers in Kentucky und der Latinos im ländlichen Süden buhlt, während McCain versucht, die Ängste des liberalen Geldadels zu bedienen und gleichzeitig die afroamerikanischen Mittelschichtler umwerben muss. Für beide ein Spagat, der auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit gehen dürfte, aber die wird durch gegenseitige Schmutzkampagnen ohnehin erheblich leiden. Beide werden danach streben den besseren Patrioten, den entschlosseneren Entscheider, den weltgewandteren Staatsmann zu geben. Auf die Zwischentöne wird es dabei immer weniger ankommen, immerhin befinden sich die USA seit mehr als 25 Jahren fortwährend im Krieg (erst gegen die Drogen, dann gegen den Terror, dann gegen die Massenvernichtungswaffen Husseins und demnächst gegen den Iran) Washington hatte sicher recht: Gewinnen wird derjenige, der im entscheidenden Moment weniger Skrupel hat, das Schwein in sich rauszulassen und da sehe ich - bei aller Sympathie für den dynamischen ehemaligen Sozialarbeiter Obama - den Vietnamveteran McCain leider vorn.
zwischenruf 5/2008
"Ich fürchte mich nicht vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern vor der Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten."
(Theodor W. Adorno)
Noch vor wenigen Jahren war die Angelegenheit einfach: Neonazis waren dumme und mit Blindheit geschlagene Menschen mit extrem kurzen Haaren, weißen Schnürsenkeln an schwarzen Springerstiefeln und Bomberjacken. An Dummheit und Sehbehinderung hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert, wohl aber am äußeren Erscheinungsbild. Bei den jüngsten Straßenschlachten, fast schon traditionell zum Maifeiertag in Hamburg und Berlin ausgetragen, trafen linke Antifa und die sogenannten "nationale Autonomen" aufeinander. Letztgenannte sind vom "schwarzen Block" nurmehr durch Plakate und Parolen zu unterscheiden, aber nicht mehr durch Kleidung und Frisur. In diesem Zusammenhang erinnert sich der Zwischenrufer an die eigene Verblüffung, als er in einer TV-Dokumentation über diese neuen Rechten einen Aufmarsch von jungen Faschos sah, die - mit Arafattüchern und Kapuzenpullis ausgestattet - hinter einem Lautsprecherwagen herzogen, der mit erheblichem Schalldruck den letzten Chartbreaker von den "Helden" ("Gekommen, um zu bleiben") dudelte. Zudem scheint es fast so, als habe ein neuer "langer Marsch" begonnen, der bei NPD-Kinderfesten in den neuen Ländern startet, und bei einflussreichen rechten Netzwerkern und "alten Herren" aus national gesinnten Studenverbindungen endet. Gegen diese allmähliche Unterwanderung unserer Gesellschaft würde auch kein Verbot von Parteien helfen, deren Bilanz der parlamentarischen Arbeit ohnehin einer völligen Bankrotterklärung gleich kommt. Wenn Faschismus das Ergebnis massenhaft deformierter Charakterstrukturen als Folge einer obsessiven Beschäftigung mit der eigenen Opferrolle ist, bleibt als Ausweg nur der politische und gesellschaftliche Häuserkampf um jeden Einzelnen, seine Entfaltungsmöglichkeiten und seine Chancen auf wirkliche Teilhabe an Wohlstand und Bildung. Das bedeutet übrigens nicht, einer ausschließlich vom Individualismus geprägten Weltsicht das Wort zu reden, sondern in erster Linie eine Abkehr von Nabelschau, rückwärtsgewandter Verklärung und die Forderung nach einem angemessenen, ich möchte sagen heiteren Umgang mit unseren Ängsten.
zwischenruf 4/2008
"Die Zugehörigkeit zur olympischen Bewegung setzt die Befolgung der grundlegenden ethischen Prinzipien voraus."
(Regel 3, Absatz 3 der Olympischen Charta in der Fassung vom 14. Juli 2001)
Allmählich dürfte auch den völlig Ahnungslosen, z.B. Jacques Rogge, aufgehen, wie unglaublich blödsinnig die Entscheidung war, die olympischen Sommerspiele 2008 nach Beijin zu vergeben. Von vorne herein war klar, dass die chinesische Parteidiktatur, die zwar dem Namen nach kommunistisch ist, in Wahrheit aber deutliche faschistoide Züge trägt, in keinster Weise den moralischen Anforderungen, die sich die olympische Familie ins Stammbuch geschrieben hat, genügt. Gewiß, bei den Spielen geht es eigentlich nur noch am Rande um Sport und Athleten. Wichtiger sind längst Sponsorengelder, Werbeverträge, Übertragungsrechte, mit einem Wort wirtschaftliche Interessen des IOC. So gesehen war die Vergabe an China, das mal von Alan Greenspan im Rahmen einer Analyse des globalen ökonomischen Systems als "600 Pfund-Gorilla, der in unserem Wohnzimmer steht" bezeichnet wurde, im Grunde ein logischer Schritt. Ebenfalls kann es nicht verwundern, dass ausgerechnet der Präsident des einflußreichen DOSB, Dr. Thomas Bach, zu den ersten gehörte, die nach den Protesten in Tibet lauthals verkündete, ein Boykott der Spiele käme überhaupt nicht in Frage, denn Bach ist ökonomischer Netzwerker par excellence, der wie kaum ein anderer die Beziehungen zwischen internationalem Sport und internationalem Kapital zu nutzen versteht. Das zunächst widersinnig Erscheinende ist: Er hat recht. Ein Boykott wäre nicht nur wenig wirksam in Bezug auf eine Einflußnahme auf die chinesische Führung, er wäre auch ein Schlag ins Gesicht für alle Sportler, die sich seit Jahren auf diesen Höhepunkt ihrer Karriere vorbereiten. Was verbleiben denn dann für Alternativen? Wirkungsvoll aber wenig wahrscheinlich wäre ein Rückzug der Sponsoren, begleitet von wirtschaftlichen Sanktionen, die von der UN zu beschließen wären. Da China ein ständiges Mitglied des Weltsicherheitsrates ist, ist auch diese Maßnahme ausgeschlossen. Die Olympische Charta verbietet den Teilnehmern an den Spielen jegliche politische Demonstration während ihrer Austragung, dies findet zwar nicht meine Zustimmung, wir wünschen uns schließlich mündige Sportler, die nicht nur körperliche Höchstleistungen zeigen, sondern auch etwas im Kopf haben, steht aber immerhin so in den Regularien und muss demzufolge beachtet werden. Daher mein Vorschlag: Wie wäre es denn, wenn jeder Athlet, der das möchte, bei der Eröffnungsfeier ein Schild vor sich herträgt, auf dem der Absatz 3 der 3. Regel der Olympischen Charta zitiert wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
zwischenruf 3/2008
"Wer ein Ei stiehlt, der stiehlt auch einen Ochsen."
(französisches Sprichwort)
"Einmarschieren und besetzen" so kommentierte der liebe Ödli mit einem Augenzwinkern die jüngsten Meldungen zur generalstabsmäßigen Anleitung und Beihilfe zur Steuerhinterziehung im Fürstentum Liechtenstein. Die Wogen der Entrüstung schlugen hoch und auch der Zwischenrufer konnte sich so manche abfällige Bemerkung, die hier im Wortlaut nicht wiedergegeben werden kann, nicht verkneifen. Es ist eben kaum nachzuvollziehen, wenn die Großkopferten, denen selbst der Spitzensteuersatz nicht wirklich weh tut, sich offenbar über Recht und Gesetz stellen und damit den Gedanken vom Staatsvolk als Solidargemeinschaft ad absurdum führen. Die Causa Zumwinkel ist ein besonders drastisches Beispiel, einerseits weil sich der Manager ungünstigerweise in der Mitarbeiterzeitschrift der Post AG zeigleich mit der Razzia für die Vorbildfunktion von Wirtschaftsführern und leitenden Angestellten stark machte, andererseits weil er als Unternehmersproß von vielen als Repräsentant des traditionellen Kapitals a la Max Grundig oder Werner von Siemens gesehen wurde. Von letzteren nimmt man wohl zu recht an, dass sie noch eine Vorstellung davon hatten, was eine Gesellschaft, die marktwirtschaftlich organisiert ist, zusammen hält. Andererseits sollten wir Normalos, die wir schwarz arbeiten oder arbeiten lassen, schon mal ein Stange Zigaretten zu viel dabei haben oder bei der Einkommenssteuererklärung ein klein wenig schummeln, uns hüten allzu forsch mit dem Finger auf die "Liechtensteiner" zu zeigen. Ob man Eierdieb oder Ochsenräuber ist, ist im Grunde genommen egal. Wir sind ein Volk von Bescheißern geworden und das Schlimmste daran ist nicht der daraus resultierende Steuerausfall, der nach vorsichtigen Schätzungen den Umfang der Neuverschuldung des Bundes deutlich übertrifft, das Schlimmste ist, dass die wenigen Aufrechten sich nicht nur vorkommen müssen, wie die Deppen der Nation, sondern von ihren verbrecherischen Mitmenschen auch tatsächlich so behandelt werden.
zwischenruf 2/2008
"Autos kaufen keine Autos."
(Henry Ford)
Ewiges Wachstum? Man denkt unwillkürlich an einen Luftballon und an den Knalleffekt beim Überschreiten der Kapazitätsgrenze. In der Wirtschaftswissenschaft ist das fortgesetzte Wachstum aber, zumindest in der Theorie, überhaupt kein Problem, so lange sich Investmentbanker nicht an ihren eigenen Renditevorgaben verschlucken, ein Minimum an natürlichen Ressourcen zur schonungslosen Ausbeutung übrig ist und die halbblinden Konsumenten die Lust am nächsten großen bunten Ding nicht verlieren. Die Vereinigten Staaten haben uns lange vorgemacht, wie es läuft, und schaut man sich an, wie leichtfertig dort weiterhin Verbraucherkredite vergeben werden und welcher Anteil des privaten Konsums auf Pump finanziert ist, kann man nur mit den Ohren schlackern. Konkret und zugespitzt: Die Chinesen verleihen den Amerikanern Geld, die Amerikaner kaufen für dieses Geld chinesische Waren. Die Folge ist das größte Handelsbilanzdefizit, das es je gegeben hat. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, also weil Rezession so ungefähr das schlimmste ist, was ein Ökonom sich vorstellen kann, wird derzeit noch mehr billiges Geld in dieses System gepumpt. Das Ende der Fahnenstange wird spätestens dann erreicht sein, wenn die Zinsen bei Null sind und die Fed sich ihres letzten Stützinstrumentes beraubt hat. Dann wird man die unangenehme Wahrheit nicht mehr bemänteln können: Wer nicht am Wohlstand beteiligt ist, generiert auch kein Wirtschaftswachstum. Die knapp 75.000 (!) Beschäftigten von General Motors, die nach heute bekannt gewordenen Plänen demnächst an die Luft gesetzt werden sollen, werden sich auf längere Sicht keinen Neuwagen leisten können, auch keinen chinesischen. Und selbst die Chinesen werden nicht weiter Mittel zur Verfügung stellen, wenn sich abzeichnet, dass diese Kapitalgeschäfte nicht einmal das Prädikat "Sub Prime" verdienen, sondern die Kohle einfach futsch ist. An diesem Punkt wird die heilige Wachstumskuh geschlachtet sein, Absatzzahlen werden einbrechen, Preise nachgeben, Gewinne zerinnen und zwar nicht nur in den USA, sondern auch in der so genannten Volksrepublik. Der alte Ford hatte eben doch recht: Autos kaufen keine Autos und Autos, die im Grunde der Bank gehören, können noch schwerer im Magen liegen, als nicht produzierte und nicht verkaufte.
zwischenruf 1/2008
"Ein Zwerg wird nicht größer, auch wenn er sich auf einen Berg stellt."
(Seneca)
Kaum hat das neue Jahr begonnen, da muss der Zwischenrufer sich bereits mächtig aufregen: Es geht um die unerträgliche populistische Schaumschlägerei des Herrn Roland Koch. Erst vor ein paar Jahren hat der "brutalst mögliche Aufklärer" seinen Kopf aus der Parteispendenaffärenschlinge gezogen (Jüdische Vermögen, erinnert sich noch wer?), schon schwafelt er von Anstand und guten Sitten, es ist ekelerregend. Aus der gleichen, nämlich der untersten Schublade, kamen damals die Erpressungsversuche der unabhängigen Wählergemeinschaften durch den sauberen Herrn Koch. Da spielen die gebrochenen Wahlversprechen hinsichtlich des Ausbaus des Frankfurter Flughafens und des Nachtflugverbots nur noch eine Nebenrolle. Unterstützt von Springers Sudelblatt versucht Koch am rechten Rand verzweifelt Stimmen einzusammeln, die er durch seine miserable politische Bilanz in der Mitte verloren hat. Selbst die eigenen Parteigenossen können da nur noch mit dem Kopf schütteln. Wohlverstanden: Die brutalen Übergriffe Jugendlicher sind verurteilenswert und müssen natürlich hart betraft werden. Dafür steht aber ein ausreichendes Instrumentarium zur Verfügung, allenfalls muss man darauf bestehen, dass Richter in diesen Fällen eben kein Auge zudrücken, sondern statt eine Bewährungsstrafe zu verhängen ein Exempel statuieren und Intensivtäter dorthin schicken, wo sie hingehören, nämlich hinter schwedische Gardinen. Wenn in der öffentlichen Diskussion ein Versagen der Gutmenschenkuschelpädagogik und -rechtsprechung festgestellt wird, so hat dies sicher seine Berechtigung. Wer aber auf billigste Art versucht, diese Vorfälle dazu zu benutzen, sich die Lufthoheit über den Stammtischen zu sichern, sollte bei der am 27. Januar anstehenden Landtagswahl in die politische Versenkung befördert werden. Kochs Zeit ist vorbei!
zwischenruf 12/2007
"Hello,
Is there anybody in there
Just nod if you can hear me
Is there anyone at home
Come on now
I hear you're feeling down
I can ease your pain
And get you on your feet again
Relax
I'll need some information first
Just the basic facts
Can you show me where it hurts
There is no pain, you are receding
A distant ship smoke on the horizon
You are coming through in waves
Your lips move but I can't hear what you're saying
When I was a child I had a fever
My hands felt just like two balloons
Now I've got that feeling once again
I can't explain, you would not understand
This is not how I am
I have become comfortably numb"
(David Gilmour/Roger Waters "Comfortably Numb")
Es ist an der Zeit Bilanz zu ziehen. Was bleibt hängen aus dem Jahr 2007? In unzähligen und unsäglichen Jahresrückblicken lassen die Sendeanstalten die Höhepunkte und Katastrophen Revue passieren und während man früher solche Programme mit Leidenschaft verfolgte, stellt sich inzwischen ein verstohlenes Gähnen ein. Es wird begleitet von einem untrüglichen Gefühl, dass das Gesendete nur Veränderungen und Ereignisse unmittelbar an der Oberfläche zeigt. Gleichzeitig ist es aber so, dass man das ungute Gefühl nicht los wird, dass vor nicht allzu langer Zeit und auch im Jahr 2007 ungute Weichenstellungen in Politik und Gesellschaft vorgenommen wurden, die uns nicht gefallen können, um die aber dennoch kein großes Aufhebens gemacht wurde, die der schweigenden Mehrheit aber auch den verbliebenen kritischen Betrachtern offensichtlich kaum übel aufstoßen und daher wahrscheinlich der Rubrik "Zeitgeist" zuzuordnen sind. Ein Beispiel ist die Gängelung, zunehmende Bevormundung und Einschränkung grundlegender Freiheitsrechte von Vorratsdatenspeicherung bis Rauchverbot, die in früheren Jahren Proteststürme hervorgerufen hätte. Ein weiteres Beispiel ist die systematische Verängstigung, Desinformation und gezielte Verdummung der Bevölkerung durch die Medien, die sich bis auf wenige Ausnahmen als Verbreiter geschönter Wahrheiten präsentieren, die den Redakteuren von umtriebigen Lobbyisten bereits fertig aufbereitet zur Verfügung gestellt werden. Ein drittes und letztes Beispiel ist die Spaltung der Gesellschaft, die induzierte Vereinzelung und Entsolidarisierung, die den Drahtziehern die Durchsetzung ihres Masterplans mit den Zielen "vollständige Kontrolle" und "maximaler Profit" erleichtert. Der Zwischenrufer siehts und staunt. Und dann pfeift er ein kleines, bitteres Liedchen: Comfortably numb.
zwischenruf 11/2007
"Je mehr Arme und Hungernde in der Welt, um so größer der Gewinn all derer, die es verstehen, die Armen zu gebrauchen, um sich an ihrer Arbeit zu bereichern."
(B. Traven, "Der Karren")
Spät dran ist der Zwischenrufer im Monat November, kurz vor Monatsende bricht es dann aber sozusagen aus ihm heraus: Die wachsende Armut von Kindern in einer der reichsten Industrienationen der Erde ist ein himmelschreiender Skandal! Anläßlich der politischen Generaldebatte bei der Verabschiedung des Etatas für das kommende Jahr, in der unsere Kanzlerin schon fast so viel Realitätsferne zur Schau stellte, wie dies ehemals bei Staatsratsvorsitzenden zu konstatieren war, hieß es sinngemäß, der Aufschwung komme nun bei den Menschen an, man klopfte sich gegenseitig auf die Schultern. Tatsächlich hat die starke Weltkonjunktur sich bei einigen Menschen bemerkbar gemacht. Zum Beispiel bei den Managern von Porsche, die sich nun zu sechst über 120 Mio € teilen dürfen (Genaueres kann man nicht sagen, die Höhe der individuellen Bezüge sollte zwar eigentlich offengelegt werden, aber wer hält sich schon mit solchen Kinkerlitzchen auf: Wer schnappt, der hat, da kann Hotte Köhler noch so viel mahnen). Dagegen sieht die Situation bei annähernd 3 Mio Kindern in der Berliner Republik anders aus: Glücklich darf sich der schätzen, der mit vollem Magen zur Schule geschickt wird. Und natürlich sind die kleinen Prekaristen, zumindest aber ihre Eltern selbst Schuld an ihrem Los: Wer sein Arbeitslosengeld II versäuft, hat es nicht besser verdient. Die Wahrheit wird einfach ausgeblendet: Keiner will scheitern, wer sich vor dem Fernseher tagtäglich vollstopft ist nicht glücklich, wer bildungsfern aufwächst wurde eben leider schon frühzeitig und endgültig aussortiert. In unserem Land stellt man neuerdings bereits im Grundschulalter fest, ob man überhaupt eine Chance bekommen wird, das Glück in eigene Hand zu nehmen. Und eine Chance ist dann unter Umständen eine Arbeit mit einem Stundenlohn, der durch die ARGE aufgebessert, d. h. auf ALG II-Niveau gehoben werden muss. Leider verfügt der Bundesfinanzminister nicht über die Mittel, um im Bereich Bildung für einen sozialen Befreiungsschlag zu sorgen: Die Unternehmenssteuersenkung und die höheren Freibeträge bei der Erbschaftssteuer schlagen ins Kontor, Bundeswehrmissionen im Ausland gibt es nicht umsonst und die CSU musste ja unbedingt den reduzierten Mehrwertsteuersatz bei den Tickets für Berg- und Seilbahnen haben. So viel zum Thema Bodenhaftung.
zwischenruf 10/2007
"Wer den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft infrage stellt, wer soziale Kohäsion als überflüssiges Zierwerk in guten Zeiten betrachtet, der stellt eben nicht nur wichtige Errungenschaften von Politik und Gesellschaft in unserem Land infrage, nein, er ist vielmehr dabei, den inneren Frieden zu zerstören.“
(Gerhard Schröder in einer Regierungserklärung am 17. März 2005)
Der Zustand der sozialdemokratischen Partei Deutschlands könnte zum Lachen reizen - wenn er nicht so traurig wäre. Wollte man ganz allgemein formulieren, so könnte man folgendermaßen ansetzen: Die vorrangige Aufgabe von Parteien in unserem Staat ist ihr Beitrag zur politischen Willensbildung. Wenn eine Partei nicht weiss, was sie will, ist sie daher bereits im Ansatz gescheitert. Kein Zweifel, die "Sozis" habens schwer momentan, eingebunden als Juniorpartner in eine große Koalition, angeführt von einer ausgedünnten Parteielite ohne Überzeugungskraft, tief gespalten in linke Parlamentarier und den "Seeheimer Kreis" dessen neoliberale Doktrin selbst die FDP jubeln lässt, während das "Netzwerk Berlin" -brave und harmlose Gutmenschen- am Begriff des "demokratischen Sozialismus" herumwürgt, der es wohl ins neue Grundsatzprogramm schaffen wird. "Cui bono?" fragt man sich unwillkürlich und die Antwort liegt auf der Hand: Die Konkurrenz, angeführt vom linken Springteufel Lafontaine zwingt die SPD den unbequemen Agendakurs Stück für Stück aufzugeben, da sind Müntes gegenwärtige Verrenkungen schon fast als letzte Zuckungen zu beschreiben. Die Öffentlichkeit hat sich bereits auf den roten "rigor mortis" eingestellt, die Umfragewerte zeigen das deutlich. Bittere Medizin verordnen und sich gleichzeitig einen sozialen Antrich geben: Das funktionierte eben nur beim Gasmann Schröder und wer wollte den schon ernsthaft zurück?
zwischenruf 9/2007
„Ich betrachte mich immer noch als Marxisten. Der Marximus lehnt den Terror...individuellen Terror und Terror kleiner Gruppen ohne Massenbasis als revolutionäre Waffe ab... Subjektiv ist anzunehmen, daß sie ihre Aktion für eine politische Aktion halten und gehalten haben. Objektiv ist das nicht der Fall. Wenn politische Aktion willentlich zum Opfer von Unschuldigen führt, dann ist das genau der Punkt, wo politische Aktion, subjektiv politische Aktion, in Verbrechen umschlägt.“
(Herbert Marcuse)
Herbst in Deutschland und doch kein "deutscher Herbst". Zum Glück, denkt man sich, wenn man als Kind noch Fahrzeugkontrollen mit Maschinenpistolen im Anschlag erlebt hat, die bleierne Erstarrung, die während der Schleyer-Entführung über dem Land lag, fast noch spüren kann. Trotzdem mutet die mediale Aufarbeitung, die Unzahl von Dokumentationen und Artikeln, die uns zurzeit geradezu überschwemmen, seltsam an. Wer soll sich noch für die Geschichte der RAF interessieren, in einem Land, in dem das Zeitgeschehen von spaß- und geldgeilen Scheinriesen bestimmt wird, während eine Generation heranwächst, die "Schweinesystem" noch nicht einmal buchstabieren kann. Noch merkwürdiger sind allerdings die Parallelen, die zwischen dem Krieg der "Sechs gegen sechzig Millionen" und den Wahnsinnstaten und jüngsten Beinahe-Aktionen islamistischer Wirrköpfe gezogen werden. Mag auch die zugrunde liegende Ideologie in beiden Fällen gleichermaßen krude, die Vorgehensweise hier und da von menschenverachtender Brutalität gekennzeichnet, die Versuchung des Staates eigentlich selbstverständliche Bürgerrechte angesichts einer mit billigsten Floskeln heraufbeschworenen Notstandssituation zu verbiegen und zu beschneiden jeweils vorhanden sein, ein entscheidender Unterschied bleibt: Der linke Terrorismus der 70er und 80er Jahre zielte auf eine Veränderung im Hier und Jetzt ab und zwar vor dem Hintergrund zweier konkurrierender Vorstellungswelten, die beide auf ihre Art letztenendes das Wohl der Menschen während ihres irdischen Daseins im Blick haben. Der aktuelle islamistische Terror basiert hingegen auf Heilsversprechen und einem daraus resultierenden absurden Märtyrertum, das seine Erfüllung im Jenseits sieht und sich daher einer Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Verhältnissen von vorne herein entzieht. Spätestens die sogenannte "Dritte Generation" sah die Aussichtlosigkeit des eigenen Vorhabens ein, die Auflösung der RAF war die Folge. Mit einem solchen Schritt ist von Seiten der Islamisten nicht zu rechnen. Ihre unheilige Mission benötigt keine Sympathisanten, Erfolgsmeldungen, Rückhalt in der Bevölkerung, nur gewissenlose Einflüsterer, die beim Anlegen der Sprengstoffgürtel behilflich sind.
zwischenruf 8/2007
Morpheus: "The Matrix is everywhere, it is all around us, even now in this very room. You can see it when you look out your window, or you turn on your television. You can feel it when you go to work, when you go to church, when you pay your taxes. It is the world that has been pulled over your eyes to blind you from the truth."
Neo: "What truth?"
Morpheus: "That you are a slave, Neo. Like everyone else, you were born into bondage... born into a prison that you cannot smell or taste or touch. A prison for your mind."
(The Matrix)
Die Blase scheint im Platzen begriffen zu sein. Welche Blase? Na, die des US-Amerikanischen Hypothekenmarktes. In den vergangenen Tagen überschlugen sich die Meldungen, wonach die großen Notenbanken kurzfristig billige Gelder in Milliardenhöhe zur Verfügung stellten, um den Kollaps abzuwenden, zumindest aber zu mildern. Nun rächt sich also wieder einmal die Leichtigkeit, mit der die globalen ökonomischen Geschicke in die Hände von nimmersatten Pappnasen gelegt wurden, die besser am Roulettetisch aufgehoben wären. Betrachtet man die Ursachen für die aktuellen "Schieflagen", nämlich zu lax durchgeführte Bonitätsprüfungen, dubiose gegenseitige Beteiligungen und Rückversicherungsverträge und blindes Hineinrennen in Katastrophen, vor denen Kenner der Szene bereits seit Jahren warnten, dann kann man kaum noch verstehen, warum diejenigen, die solche fatalen Strategien zu verantworten haben, zu den höchstbezahlten Investmentbankern überhaupt gehören. Doch halt! Vielleicht ist genau dies der Grund für die mangelhafte Bodenhaftung und den erheblichen Realitätsverlust. Und vielleicht kommt es auf das Talent und den Erfolg der beteiligten Herrschaften auch gar nicht mehr an. Wir haben vor kurzem gelernt, dass der Umgang mit dem Anlagevermögen maßgeblich von Rechnern und der entsprechenden Software gesteuert wird. Zwar können die MBAs an den Schräubchen drehen, doch meistens laufen die milliardenschweren Fonds auf "Autopilot". Verknüpft man genügend dieser Maschinen zu einem komplexen Netzwerk und berücksichtigt die sich ergebenden Rückkopplungen, verkürzten Reaktionszeiten und die resultierende Verstärkung von kleinsten Schwankungen, dann ergibt sich ein erschreckendes Szenario: Diese kleine aber feine Maschinenwelt könnte zerbrechen, ein wichtiger Eingangsparameter für die Berechnungen falsch gewählt sein. Die Welt könnte ohne wirklichen Grund pleite gehen. Mir gefällt die Vorstellung, dass dann in irgendeinem Serverraum ein digitales Glucksen zu vernehmen sein würde, ein Schenkelklopfen aus Nullen und Einsen, das andauert, bis der inzwischen insolvente Energieversorger abschaltet und die letzten Amperesekunden aus den USVs gesaugt sind. Morgen vielleicht.
zwischenruf 7/2007
"Politiker sind immer vorbereitet auf das, was sie anrichten werden. Auf das Schlimmste."
(Dieter Hildebrandt)
Helle Aufregung im politischen Berlin: Das Bundesverfassungsgericht hat die Gültigkeit des Gesetzes zur teilweisen Offenlegung der Nebeneinkünfte der Mitglieder des Bundestages bestätigt. Im Internet kursieren nun allerlei Listen, in denen die Extragehälter der Volksvertreter stufenweise aufgelistet sind. Deren schrille Schreie der Empörung füllen die Seiten der Online-Medien. Von "Gaga-Gesetz" und von einer "übertriebenen Neiddebatte" ist die Rede. Zum ersten Begriff ist festzustellen, dass ja nun nicht die Bürger sondern die Parlamentarier dieses Machwerk verbrochen und dabei offenbar einen kurzen Moment ehrlicher Klarheit genutzt haben. Es wäre schön, wenn diese Ehrlichkeit auch bei den Aussprachen zur Festlegung der Höhe der Diäten Platz greifen würde; die dort praktizierten Prinzipien der Selbstbedienung sind schlichtweg unerträglich. Und zum Thema Neiddebatte: Es ist schon abenteuerlich, mit welch fadenscheinigen Argumenten die politische und ökonomische Elite unseres Landes das immer unverschämtere Vollstopfen der eigenen Taschen rechtfertigt. Neidisch sind nämlich nicht nur H IV-Habenichtse, Geringverdiener, Kinderreiche. Neidisch sind offensichtlich auch die leitenden Angestellten, die bei der Bemessung ihrer Gehälter über den großen Teich schielen und erst recht Volksvertreter, die Aufsichtsratsposten sammeln wie andere Leute Briefmarken. Dass die menschliche Gier den Hals nicht vollbekommt, ist keine neue Erkenntnis. Und damit zurück zum Ausgangspunkt: Natürlich ist es doppelbödig von gewählten Politikern eine moralische Integrität einzufordern, die dem Wahlvolk selbst völlig fremd ist. Keiner von uns besitzt eine so reine Weste, dass er den ersten Stein werfen dürfte. Und (wie die Franzosen sagen) wer ein Ei stiehlt, stiehlt auch einen Ochsen. Warum gehen wir nicht einen ganz anderen Weg? Sollen doch die Mitglieder des Bundestages beim Betreten und Verlassen von Sitzungssäälen, Besprechungs- und Dienstzimmern Ein- und Ausstempeln, wie die meisten Anderen auch. Ob dann ein Friedrich Merz, der in sage und schreibe acht (acht!) Aufsichts- und Verwaltungsräten sitzt und außerdem noch als Rechtsanwalt tätig ist (von Ehrenämtern ganz zu schweigen), gegen die Veröffentlichung seines "Stundenzettels" klagen würde? Sicher würde er das, dem Mann ist nichts zu peinlich.
zwischenruf 6/2007
"In früheren Zeiten bediente man sich der Folter.
Heutzutage bedient man sich der Presse.
Das ist gewiß ein Fortschritt."
(Oscar Wilde)
Deutschland nach dem G8-Gipfel (Ich weiß, man kann es kaum noch hören. Und im Grunde stimmt es ja auch: Was ist so spannend daran, wenn sich einige wenige Obermarionetten des internationalen Kapitals in einem Ghetto für Großkopferte, beschützt von fast 18.000 Uniformierten hinter einem antidemokratischen Schutzwall treffen, um sich gegenseitig ihre Macht- und Hilflosigkeit vorzuführen?). Das bedeutet auch, dass einem gepflegten Eintauchen in die sommerliche Saure-Gurken-Zeit nun nichts mehr im Wege steht. Betrachtet man den Raum, den der aktuelle Aufenthaltsort einer abstoßenden, dekadenten Hotelerbin selbst in solchen Nachrichtenbörsen einnimmt, denen man vor kurzem noch ernsthafte Berichterstattung zugetraut hätte, dann ist für die kommenden Wochen das Schlimmste zu befürchten. Wohlverstanden: Wir bekommen die Meldungen, die wir verdienen und abgestimmt wird heute eben mit der Maushand. Trotzdem ist das Absinken des Niveaus in den Onlineausgaben renomierter Presseorgane in die Niederungen, die bislang der Springerjournaille und dem bunten Blätterwald der Illustrierten vorbehalten waren, ein erschreckendes Signal. Wagen wir einen Ausblick auf eine entsprechende Leitseite in, sagen wir, 5 Jahren, sollte dieser Trend anhalten: Ganz oben finden wir ein Interview mit dem Hund des amerikanischen Präsidenten, direkt im Anschluss daran Wolfgang Schäubles nostalgische Kolumne "Grundgesetz und Bürgerrechte - Das konnte ja nicht gutgehen". Weitere Artikel im politischen Teil tragen die Überschriften "Die SPD - von einer Arbeiterpartei in die neoliberale Bedeutungslosigkeit - ein historischer Abriß" und "Aktuelles aus dem Parlament - diese Woche in der Bundestagskantine (Mit Rezeptdownload)". Im Sportteil finden sich zunächst die Börsennotierungen der Bundesligavereine, gefolgt von einer Rangliste der beliebtesten Aufputschmittel und Anleitungen zum Selbstanrühren in der heimischen Küche. Der Kulturteil beginnt mit "Warum wir auch für zwei zahlende Besucher spielen" von und mit Christoph Schlingensief und endet mit dem Buchtip "Alle Teilnehmer von "Deutschland sucht den Superstar" - die fünfundzwanzigbändige Sonderausgabe". So oder so ähnlich wird die Startseite von spiegel.de oder sueddeutsche.de aussehen. Lesen wird sie kaum jemand aus der werberelevanten Gruppe der Unter-18-Jährigen, die läßt sich lieber die Inhalte von ihren krass-endgeilen Handys vorlesen, unterlegt mit passenden Beats, unterbrochen von den 10 beliebtesten Spots aus den aktuellen Commercial-Charts.
zwischenruf 5/2007
"Man kennt das doch: Der Trainer kann noch so viel warnen, aber im Kopf jedes Spielers sind 10 Prozent weniger vorhanden, und bei elf Mann sind das schon 110 Prozent."
(Werner Hansch)
Eine ganze Region hat den Kater: Nicht nur die Gurkentruppe vom Niederrhein, die Borussia aus Mönchengladbach, wird absteigen, sondern auch die so hoffnungsvoll gestarteten Kartoffelkäfer aus der Kaiserstadt. Die Höchststrafe für den Zwischenrufer, der in den letzten Tagen entsprechende Nachfragen zumeist mit einem melancholisch verschmitzten "Was ist Fußball?" konterte. Ist es nötig und sinnvoll sich an dieser Stelle in den Club der Nachkarter und Besserwisser einzureihen? Sagen wir mal so: Besser sich den Frust von der Seele schreiben, als im besoffenen Kopf auf die Anhänger des Gegeners einzuprügeln, so wie es sich am letzten Spieltag in Dortmund zugetragen hat (Und ein hämisches "Ihr werdet nie Deutscher Meister!" in Richtung Schalke 04 kann ich mir auch nicht verkneifen.). Lag es an Schlaudraff, lag es am Trainer, lag es an den Schiris? Nein bestimmt nicht. Es lag an einigen Totalausfällen (Ebbers, Rösler, Herzig), an der mangelnden Motivation gegen vermeindlich schwächere Gegner mit dem Messer zwischen den Zähnen aufzulaufen, wie man es gegen die Bayern und Bremen gezeigt hat und schließlich an der trügerischen Sicherheit, die sich einstellte, als man mit 33 Punkten auf einem einstelligen Tabellenplatz schon Richtung UI-Cup schielte. Was bleibt also nach dieser Spielzeit an Positivem übrig? Die Unsympathen aus München dürfen es mal im UEFA-Cup versuchen, der FC aus Köln darf demnächst zum Derby am Tivoli antreten und mit Stuttgart wird eine Mannschaft Meister, die es wirklich verdient hat. Die Alemannia steht am Scheideweg: Zu den bereits feststehenden Abgängen werden sich noch weitere hinzu gesellen, das Niveau in der zweiten Liga läßt eine baldige Rückkehr in die Oberklasse als äußerst unwahrscheinlich erscheinen und die finanziellen Mittel für einen personellen Rundumschlag sind nicht vorhanden. Andererseits ist der Verein wirtschaftlich gesund, das neue Station wird trotzdem gebaut und im Nachwuchsbereich sind einige hoffnungsvolle Talente vorhanden. Wichtiger noch: Die Schönwetter-Möchtegernanhänger werden sich zurückziehen, Karten für die Heimspiele leichter zu bekommen sein und wahr bleibt: "Wir tragen schwarz, wir tragen gelb, wir sind die besten Fans der Welt!"
zwischenruf 4/2007
"Work like you don’t need the money.
Love like you’ve never been hurt.
Dance like no one is watching."
(Satchel Paige)
Verkohlte Sparren, unliebsame Begegnungen mit der Rennleitung, gestohlene Imbusschrauben und gereizte Schleimhäute - so sieht die ganz persönliche Bilanz des Skidmans für den Monat April bis jetzt aus, man fragt sich, was denn noch kommen soll. Und da der nächste Schlag des Schicksals ganz bestimmt nicht lange auf sich warten lassen wird, habe ich mir vorgenommen, den Kopf zunächst mal einzuziehen bzw. weitere scheinbar geeignete Schutzmaßnahmen (s.u.) zu ergreifen, auch wenn sie vergeblich sind. Dazu passt ganz gut, dass ANNA1 in diesem Monat endlich den neuen Feger "Duck And Cover" aufgenommen hat (Wird demnächst auf der Homepage der Combo veröffentlicht, zusammen mit einigen weiteren neuen Stücken), denn schließlich geht es in diesem Song nicht in erster Linie um die Wunderlichkeiten der Aufklärungskampagnen des amerikanischen Zivilschutzes in der Zeit der atomaren Aufrüstung, wie man angesichts des Titels vermuten könnte, sondern um die Sinnlosigkeit von Ausweichmanövern in Anbetracht der Unvermeidlichkeit kommender Einschläge und unsere Unfähigkeit diese zu akzeptieren. Sollte der geneigte Leser also demnächst einen übergewichtigen, Brille tragenden Enddreißiger mit einer Aktentasche über dem Schädel im westlichsten Zipfel von Deutschland antreffen - das bin ich. Eine andere Möglichkeit bestünde darin, endlich ein bisschen wahrhaftiger zu werden, einen alten Nadeldrucker zu reaktivieren und sich das diesem Text vorangestellte Zitat auf den Hintern zu tätowieren, denn wie hat der Zwischenrufer mal geschrieben: Zwar "wird der Sommer kommen und kleben und weh tun", aber zunächst "brüllt der Frühling, setzt Kronen auf."
zwischenruf 3/2007
"Weil Etwas für uns durchsichtig geworden ist, meinen wir, es könne uns nunmehr keinen Widerstand leisten — und sind dann erstaunt, dass wir hindurchsehen und doch nicht hindurch können! Es ist dies die selbe Torheit und das selbe Erstaunen, in welches die Fliege vor jedem Glasfenster gerät."
(Friedrich Nietzsche)
Der Skidman kann sich noch gut an die öffentliche Debatte zur Volkszählung in den frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts erinnern. Betrachtet man diese vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen, mutet das damalige Vorhaben wie ein Sandkastenspiel an. Tatsächlich sind wir inzwischen zu einem guten Teil durchsichtig geworden. Durchsichtig für kommerzielle Datensammler, nachrichtendienstliche und polizeiliche Bespitzelung und die Schufa. Die Schäubles, Schilys und Becksteins haben das Kommando übernommen, halten sich sogenannte Datenschutzbeauftragte als Hofnarren und beschwören apokalyptische Bedrohungsszenarien herauf, die der Legislative offensichtlich zu einer hypnotischen Erstarrung verhelfen, die uns an Kaninchen und Schlangen denken lässt. Und wir verhalten uns wie die dümmsten Kälber, lassen uns demnächst bei der Beantragung eines Reisepasses erkennungsdienstlich behandeln, akzeptieren bei jedem DNA-Massenscreening, dass wir unsere Unschuld beweisen müssen, obwohl der Rechtsstaat eigentlich das Gegenteil vorsieht, verwenden arglos Kundenkarten und werfen jeder halbwegs seriös wirkenden Internetseite unsere Daten nach. So warm und sicher wir uns auch auf dem Schoß des großen Bruders fühlen, so hart wird der Aufprall sein, wenn wir feststellen müssen, dass die Punkteprämie mit einem lückenlosen Persönlichkeitsprofil erkauft wurde, dass man terroristische Fanatiker nicht kontrollieren kann, dass alle V-Männer in Naziparteien Heisenberg heissen. Der Teufel ist und bleibt ein Eichhörnchen, trotzdem können wir noch entscheiden, ob wir der Aushöhlung unserer Rechte weiterhin tatenlos zusehen wollen. Machen wir den Kontrolleuren klar, dass ihre Vorhaben sinnlos, ihre Instrumente stumpf sind und gerade deshalb hässliche Wunden reißen. Ihr einziger Antrieb scheint ihre grenzenlose Angst zu sein. Ist es die Angst davor, dass wir erkennen könnten, auf welcher Seite des Glases wir uns tatsächlich befinden?
zwischenruf 2/2007
"Niemand ist dafür verantwortlich, daß er überhaupt da ist, daß er so beschaffen ist, daß er unter diesen Umständen, in dieser Umgebung ist. Die Fatalität seines Wesens ist nicht herauszulösen aus der Fatalität all dessen, was war und was sein wird."
(Friedrich Nietzsche, Götzendämmerung: Die vier großen Irrtümer)
Betrachtet man die Angelegenheit von einem nüchternen, populationsdynamischen Standpunkt aus, dann besitzt sie die optische Dichte der sprichwörtlichen Kloßbrühe: Auch für uns nackte Affen existieren globale variable Kapazitätsgrenzen und je zahlreicher wir werden, das heißt, je mehr wir uns diesen Grenzen annähern, umso stärker leiden wir unter unseren eigenen Stoffwechselprodukten, der gegenseitigen "Beschattung", der Verknappung der lebensnotwendigen Ressourcen. Alle Philanthropen, die angesichts der aktuellen düsteren Szenarien der Einsicht und der daraus folgenden Selbstbeschränkung das Wort reden, sitzen einem grausamen Irrtum auf. Gestern noch haben wir jeden Joghurtbecher vor seiner Zwischenlagerung im gelben Sack sorgfältig von Produktresten befreit, heute wittern wir nicht zu unrecht hinter jeder Diskusssion über generelle Geschwindigkeitsbegrenzungen auf Bundesautobahnen die Anfänge des Ökoautoritarismus. Unser Leitmotiv heißt "höher, schneller, weiter", es heißt "mehr und besser" und niemand wird dieses Programm zum Stillstand bringen. Wir würden wohl immer noch auf den Bäumen sitzen oder den Faustkeil spitzen, wenn das nicht so wäre. Bedeutet das nicht schlußendlich auch, dass wir uns auf einer Einbahnstraße befinden? Selbstverständlich. Gerne würde der Zwischenrufer an dieser Stelle etwas tröstlicheres und hoffnungsvolleres formulieren, aber es will ihm angesichts des kalten Nieselregens und der letzten Fussballergebnisse nicht gelingen. Der Online-Spiegel spricht von der Klima-Apokalypse, allerdings wird das Ende der Menschheit sich weniger spektakulär gestalten und keinesfalls mit Pauken und Trompetenstößen vollzogen werden. Von einem langen Siechtum ist auszugehen, in dem unser ganzer Stolz, unsere kulturellen und technischen Errungenschaften nach und nach verloren gehen werden. Der letzte Mensch wird sich nicht damit trösten können, dass die Evolution nun einfach umblättern wird, dass wir eine genauso gute Chance gehabt haben, wie alle bereits ausgestorbenen Spezies vor uns, dass unsere Erfindungen das All erbeben ließen. Er wird wahrscheinlich nicht mal eine Ahnung davon haben, was Evolution bedeutet und sein letzter Gedanke wird keine Bitterkeit, aber auch keine romantische Verklärung enthalten, sondern vermutlich einfach "Verdammt, ist mir kalt" lauten.
zwischenruf 1/2007
"Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse aber nicht genug für jedermanns Gier."
(Mahatma Gandhi)
Die Trommelfelle schlackern noch, von Kanonenschlägen geschüttelt. Wir sind angekommen in der 19%-Wirklichkeit, in der Zeit des reduzierten Sparerfreibetrags, im Land des Elterngeldes. Besonders das letztgenannte Meisterstück der Frau Ursula Gertrud von der Leyen lässt des Zwischenrufers Halsschlagadern pochend hervortreten, deshalb ohne Umschweife zur Sache: Es ist ja nichts dagegen einzuwenden, dass junge Väter durch staatliche Förderung an den Wickeltisch geholt und zum Vollspucken freigegeben werden sollen. Jeder, der "Das egoistische Gen" gelesen und verstanden hat, sollte sich darüber im Klaren sein, dass die Weitergabe der Erbanlagen nicht mit dem Austausch von Körperflüssigkeiten endet, und dass die Plazenta zwar eine segensreiche Erfindung in der Evolution unserer Unterklasse ist, aber die Funktion dieses embryonalen Nährgewebes eben mit der physiologischen Spätgeburt ein jähes Ende findet. Nein, den Skidman verärgert die Naivität unserer Bundesfamilienministerin, die offensichtlich der irrigen Meinung ist, man könne durch monetäre Anreize Akademikerinnen und wirtschaftlich besser gestellte Menschen im gebärfähigen Alter zu einer regeren Fortpflanzungsaktivität bewegen. Dabei kann man an den Fingern einer Hand abzählen, dass es der Primat der Selbstbestimmung und -verwirklichung, der Vorrang der Steilheit der Karriereleiter und die Vorzüge der Freizeitgesellschaft sind, die junge Frauen (und Männer!) vom Kinderkriegen Abstand nehmen lassen. Wenn also den Nachkommen von Hartz-IV-Empfängern ein Zuschuss bei der Beschaffung von Schulbüchern verweigert wird und sich diese Kinder demnächst ihren privilegierten Altersgenossen, die man als "Mitnahmeeffekte auf zwei Beinen" bezeichnen kann (wenn man einen gesunden Hang zum Zynismus besitzt, so wie es beim Zwischenrufer zweifellos der Fall ist), gegenüber sehen, dann hat sich wieder einmal bewahrheitet, dass der Teufel immer auf den größten Haufen scheisst. Es mag daran liegen, dass der aktuelle bundesdeutsche Armutsbericht im Dienstzimmer der Frau von der Leyen deren Schreibtisch am Kippeln hindert. Wahrscheinlicher ist aber, dass eben dort mit Absicht Beton angerührt worden ist, um die letzten gesellschaftlichen Durchlässigkeitslöcher abzudichten und schon bestehende Strukturen endgültig zu verfestigen. Aufpassen, Frau Bundesfamilienministerin: Nach fest kommt lose. Ganz lose.
zwischenruf 12/2006
Ein Wort mit 4 Z? Jeder Aachener kennt es. Und auch wenn wir die letzten Tage eher mit Sommerpulli auf dem Balkon als mit gemütlicher Strickjacke an den Heizkörper geschmiegt verbracht haben, so lässt sich doch nicht verhehlen, dass es Advent geworden ist, die erste Kerze brennt bereits. Verstohlen haben wir Lebkuchen, Spekulatius und natürlich Printen nach Hause geschafft, auf dass sie sich während abendlicher Knabberorgien in Hüftgold verwandeln mögen, haben Bizeps und Schultermuskulatur gestärkt oder zumindest kritisch gemustert, da auch dieses Jahr wieder ein Weihnachtsbaum der Größenklasse "Halber Wald" in die elterliche Wohnstube gewuchtet werden muss. Die Wochenenden werden durch lange Übertragungen wintersportlicher Großereignisse versüsst und dabei lassen wir uns auch nicht davon irritieren, dass die Athleten oft genug auf kümmerlichen, schmutzigen Kunstschneeflecken herumrutschen. Klimawandel? Die einen ignorieren fröhlich, die anderen konstatieren sauertöpfisch, der Zug sei schon lange abgefahren. Der Skidman sitzt inmitten seines Rechnerparks, seiner stand-by Bequemlichkeit und macht sich höchstens Sorgen über die Höhe der nächstjährlichen Nachzahlung für die konsumierten Kilowattstunden, Anflüge schlechten Gewissens werden unter Zuhilfenahme von sich auf dem Krugenofen zurückstauender PS-Protze mit Minimalbesetzung gedanklich abgebügelt. Machen wir uns nichts vor: Wir sind uns völlig darüber im klaren, dass die Auswirkungen von Rekorddürren und anderen Naturkatastrophen uns Bewohner der höhergelegenen Bereiche der gemässigten Zonen zu allerletzt treffen werden. Die Zeche für unsere Verschwendungssucht werden zunächst andere zahlen müssen. Stimmen wir also unbesorgt ein in die feierlichen Gesänge zur Weihnachtszeit, summen wir "Maria durch ein Palmhain ging", schmettern wir "Regentröpfchen, Grünröckchen", lassen wir wohlige Schauer bei "Leise rieselt der Feinstaub" über unsere Rücken laufen. Alles andere wäre doch unerträgliches Gutmenschen-Körnerfresser-Latzhosen -Geseihere aus der Zeit "als Bobby Ewing starb". Na denn frohes Fest.
zwischenruf 11/2006
"Man kann einen Krieg genauso wenig gewinnen wie ein Erdbeben."
(Jeannette Rankin)
Wir erinnern uns, als sei es gestern gewesen: Struck, damals noch Verteidigungsminister, erklärte dem staunenden Wahlvolk, die Freiheit Deutschlands werde auch am Hindukusch verteidigt. Keine Beunruhigung unsererseits, handelte es sich doch bei den in Afghanistan eingesetzten Bundeswehrverbänden um Aufbauhelfer und Hilfspolizisten, also um "Staatsbürger in Uniform" im besten Sinne. Die Skandalfotos der letzten Tage belehren uns eines besseren. Offensichtlich besitzen die Streitkräfte immer noch eine große Anziehungskraft für Menschen, deren Hirnschmalz zum Schießen und Töten ausreicht, die aber abgesehen davon nur unzureichende Kenntnisse über die Kultur und Denkweise der Menschen haben, deren Land sie befrieden sollen. Desweiteren müssen wir erleben, dass gerade die Eliteeinheit KSK sich anscheinend dort ebenfalls schwer daneben benommen hat und ohne jegliche Kontrolle operiert, insbesondere ohne parlamentarische Kontrolle. Der von der Bundesmarine geführte Einsatz vor der libanesischen Küste wurde kürzlich vom Bundestag beschlossen, nun aber hören wir, dass die Parlamentarier über den Umfang des UN-Mandats offensichtlich nur lückenhaft informiert wurden. Diese Entwicklungen sind brandgefährlich, dies gilt auch für die überflüssige Diskussion über den Einsatz der Bundeswehr "im Inneren". Die aktuellen Vorkommnisse sind die direkte Folge einer großmannssüchtigen Außenpolitik, die die Berliner Republik als einen Staat versteht, der wieder im Konzert der Mächte mitzuspielen sucht. Machen wir Schluß damit! Dass Staaten stehende Heere unterhalten, ist kein Naturgesetz. Im Mittelalter rief man zu den Waffen, wenn eine aktuelle Bedrohung zu verzeichnen war. Was spricht dagegen, es heute genauso zu halten? Warum wird die Bundeswehr nicht endlich zugunsten eines stark ausgebauten Technischen Hilfswerks für den zivilen Katastrophenfall und einer hochspezialisierten Eingreiftruppe unter europäischer Führung aufgelöst? Als der Skidman 18 Jahre alt wurde entschloss er sich den Kriegsdienst zu verweigern, nicht weil es in den achtziger Jahren Mode war, sondern weil er wesentliche Teile seiner frühesten Kindheit auf dem Oberschenkelstumpf seines Großvaters väterlicherseits verbracht hatte, der vom Russen erzählte, während die erlebten Grausamkeiten durch sein Gesicht flackerten. Es ist an der Zeit, dass junge Männer auf breiter Front dieser pazifistischen Tradition, die die Bundesrepublik eben auch verkörpert, nachfolgen.
zwischenruf 10/2006
"Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen,
und das Erhab'ne in den Staub zu ziehen.
(Friedrich Schiller, "Das Mädchen von Orleans")
Golden der Oktober, herbstlich frisch die Nächte, Jan Schlaudraff spielt für Deutschland. So könnte eine Kurzbilanz der Zeit seit dem letzten Zwischenruf aussehen. Könnte. Tatsächlich reichen aber die Stichworte "Siemens", "Airbus" und "Mindestbeitragsbemessungsgrenze" aus, um den Skidman Gift und Galle spucken zu lassen. Würde Otto Normalverbraucher auch nur im Ansatz so viel Inkompetenz, Gleichgültigkeit und Dreistigkeit an den Tag legen, wie die Herren Topmanager der angegebenen Firmen bzw. die Exekutive unserer Lobbykratie, man würde ihn vierteilen, mindestens aber aus der Hose klagen. Zeit dazuzulernen, aber der Reihe nach: Erste Lektion: Wenn man einen defizitären Unternehmensbereich abstoßen möchte, sucht man sich eine asiatische Heuschrecke, stopft ihr Rosinen in den Hintern und wartet auf die Insolvenz. Die Heuschrecke verbucht die Chose als Marktbereinigung, das deutsche Traditionsunternehmen stimmt in das öffentliche Klagen ein und wirft dem Proletariat ein paar Brocken hin, so funktioniert menschenverachtende Transaktionsökonomie. Zweite Lektion: Selbst wenn man mit einem aufsehenerregenden Produkt in den Startlöchern steht, kann man Marktchancen im Nu minimieren, indem man das Blaue vom Himmel verspricht und in Tolouse und Hamburg inkompatible Softwareprodukte einsetzt und so ein paar Kabel zu kurz abschneidet. Einer der Verantwortlichen läßt sich nun nach drei Monaten großzügig abfinden und wird bestimmt schon bald wieder ein warmes Plätzchen finden. Dritte Lektion: Eine Sozialversicherung funktioniert nach dem Solidarprinzip. Daher ist es absolut folgerichtig, dass man zuläßt, dass diejenigen, die sich diese Solidarität am ehesten leisten können, sich Richtung PKV verabschieden. Dann sorgt man noch dafür, dass bei der Beitragsermittlung für Selbstständige in der GKV eben nicht das tatsächliche Einkommen, sondern irgendein Wolkenbetrag berücksichtigt wird und fertig ist die Laube. Wenn Pofalla dann den Erhalt der privaten Krankenversicherungen feiert, möchte ich ihm am liebsten ins Gemächt treten (wie er sich dann wohl anhören würde?). Spätestens hier sollte der Skidman schweigen, denn merke: " "Wenn ein Land gerecht ist, sollte man mutig reden und handeln. Wenn in einem Land Unrecht herrscht, sollte man mutig handeln, aber vorsichtig reden." (Konfuzius)
zwischenruf 9/2006
"Nun sag, wie hast du's mit der Religion?"
(J. W. v. Goethe, "Faust I")
Schon viel zu lange schleicht der Skidman um ein Thema herum, das nicht nur das Gretchen interessiert: Wie haben wir es denn nun mit der Religion? Es ist Zeit Tacheles zu reden! Noch vor wenigen Jahren war nicht nur ich fest davon überzeugt, dass dieses unschöne Thema, das mehr Leid über die Menschheit gebracht hat als jedes andere soziokulturelle Phänomen, mit der fortschreitenden globalen Säkularisierung und Aufklärung sich von selbst erledigen würde. Immerhin sind wir vernunftbegabte Primaten. Die Hoffnung trog: Während an einem Ende der Welt sogenannte Wissenschaftler ihre Hirngespinnste von der Entstehung der Erde kultivieren und dabei zu immer abstruseren Konstruktionen greifen, sähen anderswo skrupellose Fanatiker Hass auf die sogenannten Ungläubigen (und das mit Erfolg: Bald schon werden wir beglotzt werden, sobald wir das Haus verlassen, die letzten Reste der "unverletzlichen Bürgerrechte" werden alsbald beseitigt sein, im Fernsehen treten nur noch "Terrorismusexperten" auf, wir werden Gefangene eingeflößter Ängste, die sich in modernen Kreuzzügen manifestieren). Dabei ist der Mechanismus wohlbekannt und funktioniert überall gleich gut: Religiöse Dogmen, Auslegungen und daran geknüpfte Verhaltensmaßregeln und Moralvorstellungen sind nichts anderes als Kontrollinstrumente, die dazu gemacht sind Menschen unfrei und abhängig zu machen und sie am Aufbegehren zu hindern. Das funktioniert natürlich umso besser, je konsequenter man die Schäfchen von Wohlstand und vor allem von Bildung fernhält. Was sich beim Thema Seelenheil bewährt, wird auch in anderen Lebensbereichen umgesetzt: Glücklich kann nur der sein, der das richtige Label auf dem Hemdchen trägt, das richtige Auto fährt und auch bei der Wahl des Betriebssystems keine anderen Götter neben dem ehemals bunten Apfel duldet. Keine Frage: Wir wollen das so, wollen verdummt werden, wollen die Verantwortung auf den großen Gasförmigen, den heilsbringenden CEO abwälzen. So steht es geschrieben: "Und alle Ariadnes roten Faden in der Faust. Damit sie sich ja nicht verlaufen. Was doch das einzige wäre, was sie retten könnte." (Heinz Rudolf Kunze, "Alle möchte ich sehen")
zwischenruf 8/2006
Kaum wird es feuchter, schon kommen sie aus ihren Löchern gekrochen: Kleine, fiese, saugende Dipteren. Das widerlich hohe Schwirren ihrer Flügel und ihre juckenden, pochenden Einstichlöcher (ausgerechnet auf Daumen und Handrücken!) rauben den letzten Nerv. Zum Glück hat sich der Zwischenrufer aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen ("sie stechen immer nur mich") eine dickere Haut zugelegt: Die Drecksviecher können nicht anders, folgen letztendlich nur dem Ruf der Natur, auch Mückenmädchen wollen ein bisschen Spaß am ohnehin vergleichsweise kurzen Leben haben usw.. Konnte vor wenigen Jahren noch ein einzelner Mückerich im Zelt die Nachtruhe auf Dauer verderben, übe ich mich inzwischen in Gelassenheit. Man will schließlich aus einer Mücke keinen Elefanten machen. Gleiches gilt für die Stiche, die uns zur Zeit von den Blutsaugern in Berlin zugefügt werden. Auch hier wirkt Kratzen kontraproduktiv und zum großflächigem Einsatz geeigneter Insektizide konnte man sich bislang noch nicht durchringen. Wenn wir uns also an den Eckpunkte der sogenannten Gesundheitsreform, an den Unverschämtheiten zur Unternehmenssteuerreform und Erbschaftssteuerreform reiben, sollten wir eins nicht vergessen: Sobald es noch ein bißchen kälter und schließlich frostig geworden ist, werden die Plagegeister verschwinden. Und wir werden dieses Land nicht mehr wiedererkennen. Aber das ist eine andere Geschichte...
zwischenruf 7/2006
Aus der Mühle schaut der Müller,
Der so gerne mahlen will.
Stiller wird der Wind und stiller,
Und die Mühle stehet still.
"So gehts immer, wie ich finde"
Rief der Müller voller Zorn.
"Hat man Korn, so fehlts am Winde,
Hat man Wind, so fehlt das Korn."
("Ärgerlich", Wilhelm Busch)
Deutschland im Sommerloch: Schwül liegt die Luft über der Stadt, beschert uns das "Barton-Fink-Gefühl" (Festen Sitz der Tapeten bitte *jetzt* prüfen). Nach erfolgreicher WM, Klinsmanns Rückzug, Ullrichs Abgang und dem Besuch des "ahnungslosen George" fragt man sich, was denn noch kommen soll: Die Israelis enttarnen die Hisbollah-Sektion "Erwitte-Anröchte" und bombardieren die Flughäfen Münster-Osnabrück und Düsseldorf. Bär Bruno wird als bayerischer Ministerpräsident wiedergeboren, ernennt sich zum Oberlandesgerichtspräsidenten und verurteilt Schnappauf zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Joschka Fischer kehrt inkognito nach Deutschland zurück und beginnt unter dem Motto "Schilys Vermächtnis" damit, die Sahnetorte von innen aufzurollen. Olli Kahn und Zenedine Zidane eröffnen gemeinsam die Kampfsportschule "Eier. Wir haben Eier". So oder so ähnlich wird der Restsommer 2006 wohl laufen. Essentielles in der Politik ist jedenfalls nicht zu erwarten. Der Reformsturm ist angesichts föderalen Widerstands zu einem lauen Lüftchen geworden. Genehmigen wir uns also ein Körnchen, wenn es schon am Wind fehlt, und richten uns auf den Winterschlaf ein.
zwischenruf 6/2006
"Here's to the crazy ones. The misfits. The rebels. The troublemakers. The round pegs in the square holes..."
(Apple-Werbung "Think different")
Deutschland im WM-Fieber, 6 Punkte im Sack, Friede Freude Eierkuchen? Fast. Das Fussballfest steht im Zeichen des Wandels: Die Götter von gestern scheinen zum Teil reichlich patiniert (Beckham, Zidane, Ronaldo), die Helden von morgen stehen bereits parat (Odonkor, Lahm), die Stadien sind voll (angesichts des Ticketings ein Wunder) und die Stimmung könnte kaum besser sein. Der eigene Lebensrhythmus hat sich dem täglichen Dreiklang (15-18-21-Uhr) bereits angepasst und demnächst kommt ein Fähnchen an den Roller. Wie? Fähnchen? Kann und darf das denn sein? Antwort: Natürlich und es wurde Zeit! Schon vor ein paar Jahren bestand der Zwischenrufer darauf, dass man den Patriotismus nicht den Faschisten überlassen dürfe. Damals wurde er noch belächelt und des kleinbürgerlichen Dünkels bezichtigt. Es bedurfte offensichtlich der identitätsstiftenden Wirkung des besten Spiels, das die Menschen erfunden haben, um auf breiter Front zu der Erkenntnis zu kommen, dass es einen Haufen gute Gründe gibt dieses Land zu mögen und sich offen zur Vaterlandsliebe zu bekennen. Mit Verwunderung nehmen wir zur Kenntnis, dass auch in der Dönerbude in Neuköln und im Wasserpfeifencafe in Kreuzberg das schwarzrotgoldene Tuch hängt. Wie schön! Die Wortmeldungen der Bedenkenträger, die bereits jetzt vor chauvinistischen Tendenzen warnen, waren voraussehbar und sind Teil unserer Nabelschaukultur, die hinterfragt und Zweifel säht. Gut so, denn auf kritiklosen nationalen Wahn kann Deutschland und die Welt verzichten. Und der Kater, falls die Nationalmannschaft frühzeitig ausscheidet? Der wird hoffentlich ausbleiben, denn abgesehen vom sportlichen Erfolg können wir uns jedenfalls anrechnen gute Gastgeber gewesen zu sein. Würden die idiotischen Sponsorenregeln der FIFA nicht den Ausschank der amerikanischen Plempe vorschreiben, die Videoüberwachung Orwell'schen Ausmaßes nicht unseren Unmut erregen und ein paar unverbesserliche Schläger endlich zur Besinnung kommen, dann hätten wir möglicherweise eine perfekte WM. So gesehen bleibt also Luft nach oben und wer wollte bestreiten, dass es sich mit unserem Land genauso verhält: "Es ist was es ist sagt die Liebe. Was es ist fragt der Verstand." (Mia, "Was es ist")
zwischenruf 5/2006
"Woran arbeiten Sie?" wurde Herr K. gefragt. Herr K. antwortete: "Ich habe viel Mühe, ich bereite meinen nächsten Irrtum vor."
(B. Brecht)
Die Mühsal der Besten - sie lohnt sich doch. Zumindest gilt dies für den Herrn K., der - gegen gutes Geld - nicht müde wird uns heisse Luft anzudienen und dabei im übertragenen Sinne eine Qualität der hauptstädtischen Gase verspricht, die sich auch in der populären musikalischen Beschreibung des Operettenschreibers Paul Lincke findet. Doch scheint dieser Traum vom Fliegen vorerst geplatzt, zumindest aber billiger zu haben zu sein und damit teurer für die Auftraggeber der Einflüsterer. Die Zeit des magentafarbenen Riesen, der allgemeinen wertpapiernen Hysterie ist Geschichte und wie alle Geschichten ohne katharsisches Element eine mit bitterem Nachgeschmack. Jedem, der sich noch traut mitzudenken, muss an dieser Stelle die unappetitliche Episode von der M+S Elektronik AG aus Niedernberg einfallen: Eine Firma, die von den eigenen Konsortialbanken zunächst de facto hingerichtet und nach der Insolvenz von einem durch eben jene Institute bestellten Liquidator "abgewickelt" wurde. Diejenigen, denen der feine Zwirn bereits zur zweiten Haut geworden ist, die Geschwister der Weltzerstörer, die in den fast vergessenen "tiefen Fauteuils" des Hanns Dieter Hüsch sitzen, haben es sportlich genommen: Wie sagt der Zocker: "Zahlen, fröhlich bleiben!" Denjenigen, die im Zuge der Kostenreduzierung von den Dax-Gewinnern "freigesetzt" wurden und nun entweder ihren alten Job für eine Zeitarbeitsfirma und einen Bruchteil des urprünglichen Gehalts erledigen oder sich als Teil einer Bedarfsgemeinschaft wiederfinden, ist der Sportsgeist längst abhanden gekommen. Zwischen diesen beiden Gruppen sitzen die versprengten Reste der alten bundesrepublikanischen Gesellschaft, denen Herr K. sein inzwischen furzlaues Lüftchen ins Gesicht bläst. Sie müssen sich fühlen wie die Kaschuben in Günter Grass' Blechtrommel: "Die missen immer dablaiben und Koppchen hinhalten, damit de anderen draufträppern können".
zwischenruf 4/2006
"Regenschauer überm Tivoli"
so heißt es im Vereinslied des "Klömpchenklup" TSV Alemannia Aachen. Tatsächlich sieht es aber im Moment eher so aus, dass allen fussballbegeisterten Aachenern die sprichwörtliche Sonne aus dem Hintern scheint. Und das ist mehr als gerecht, betrachtet man den Verlauf der letzten Spielzeiten, in denen die Alemannen jeweils auf der Zielgeraden eher an den eigenen Nerven, denn an der sportlichen Unzulänglichkeit der Mannschaft scheiterten. Noch fehlen 4 Punkte, um auch rechnerisch alles unter Dach und Fach zu bringen, aber wer wollte ernsthaft annehmen, dass diese in den ausstehenden 5 Partien nicht zu erringen wären? Sollte der Aufstieg gelingen, so wäre der sportliche Erfolg der Beweis dafür, dass selbst im völlig verkommerzialisierten Profifussball (Ballak würde nicht nach Chelsea gehen, wenn dieser äußerst unsympatische Club mit seiner aus allen Ländern der Welt zusammengekauften Truppe, die die Bezeichnung "Mannschaft" genau so wenig verdient, wie die Kicker seines jetzigen Vereins, nicht mit der Firma Adidas übereingekommen wären, sich von ihr ab der nächsten Saison mit Trikots, Stutzen und Schuhen ausstatten zu lassen, also genau von der Firma, mit der der überschätzte Ballak bis 2012 einen Werbevertrag hat) noch kleine Wunder möglich sind. Die Alemannia wäre einer der wenigen Aufsteiger, die es in jüngster Zeit mit einem vergleichsweise geringen Etat (8,5 Mio Euro) in die 1. Bundesliga geschafft hätte. Es hätte sich bewahrheitet, dass die Gemeinschaft mehr ist als die Summe aller Einzelspieler, dass die während todlangweiliger Championsleague-Übertragungen so oft angeführte "größere individuelle Klasse" ein Hirngespinnst phantasieloser Fussballkapitalisten ist, die nur noch in Kategorien wie Ablösesummen und Spielergehältern denken können. In Aachen soll ein neues Stadion gebaut werden. Wenn dieser Neubau weiterhin den Namen Tivoli tragen dürfte und nicht zu einer "Aachen-Münchener-Arena" herabgewürdigt würde, dann wäre das ein Anzeichen dafür, dass wenigstens ein paar Fussballmacher begriffen hätten, was dieses Spiel zum Faszinosum für Milliarden macht.
zwischenruf 3/2006
Liebe Frau Bundesministerin Zypries,
können Sie sich eigentlich noch an den Tag Ihrer Vereidigung erinnern? Und an den Text der Eidesformel? Falls ja: Wie können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, mit Ihrem neuen Gesetzentwurf zum sogenannten "zweiten Korb" des Urheberrechts elementare Bürgerrechte mit Füssen zu treten. Um es ganz deutlich zu sagen: Hier geht es nicht darum, ob geistiges Eigentum zu schützen und auch nicht mit welchen Sanktionen der Diebstahl zu ahnden ist (Drei Jahre Knast erhält man für eine Messerstecherei, aber dank Ihres Geniestreichs jetzt auch für die Weitergabe von Privatkopien im engsten Familienkreis oder die Anfertigung einer Sicherheitskopie legal erworbener Datenträger, falls diese einen Kopierschutz enthalten. Frau Zypries, was verstehen Sie unter "Verhältnismäßigkeit"?). Es geht darum, dass die Abfrage von Verbindungsdaten durch die Rechteverwerter (!) ohne Beteiligung der Ermittlungsbehörden und den Organen der Rechtsprechung eine erhebliche Verletzung der durch das Bundesdatenschutzgesetz (BDSG) und das Grundgesetz garantierten Rechte darstellt. Nicht nur, dass auf uns eine Abmahnwelle ungeahnten Ausmaßes zukommt, über die sich wohl nur die parasitären Rechtsverdreher freuen dürften, denen man schon vor Jahren das Handwerk hätte legen sollen. Nein, auch der Denunziation wird Tür und Tor geöffnet. Immerhin werden die Markforschungsabteilungen der in Frage kommenden Unternehmen fürderhin stark schrumpfen, erhalten sie doch auf Anfrage beim Provider ein lückenloses Benutzerprofil und zwar gratis. Dass die Vorratsdatenspeicherung durch die Netzanbieter eigentlich ja als Maßnahme gegen den internationalen Terrorismus geplant war, rundet das Bild ab. Wissen sie was, Frau Zypries? Die minderjährigen Schulkinder, die Sie und Ihre Lobbyisten zu Kriminellen machen wollen, werden Ihnen beizeiten was husten. Per Wahlzettel. Oder haben Sie da auch schon was in petto?
zwischenruf 2/2006
Im Schwäbischen türmt sich der Müll, die Vögel fallen vom Himmel auf den Ostseestrand und Achilles und Gödecke und die anderen Misanthropen geben sich alle Mühe, die Erfolge der deutschen Olympioniken im Online-Spiegel mies zu schreiben: Deutschland im Februar 2006. Dabei hatten wir doch gerade zaghaft damit begonnen, uns in Merkels Reich neu einzurichten, Mut zu schöpfen, dem morgendlichen Spiegelbild ein kräftiges "Du bist Deutschland" entgegen zu schmettern. Hatten mühsam begriffen, dass die Zeit der Gutmenschen vorbei und daher Kälte, Härte und Rücksichtslosigkeit unverzichtbarer Bestandteil des Bestecks der neoliberalen globalisierten Lebensart ist. Allein, es will sich kein Erfolg einstellen. Weder bei uns noch in der Mehrzahl der Länder unseres Planeten: Ende Januar meldet das eben genannte Nachrichtenmagazin eine weltweite Rekordarbeitslosigkeit von 191,8 Millionen Menschen und zitiert den Generaldirektor der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) mit dem Satz: "Die Zahlen zeigen, dass Wirtschaftswachstum allein die globalen Arbeitsmarktprobleme nicht lösen kann." Diese viel zu späte Einsicht wird die Bonzen nicht davon abhalten, das Projekt "Sozialer Frieden" zugunsten ihrer Zweityacht vor die Wand zu fahren. Sie wird die Regierungen der Industrienationen und Schwellenländer nicht davon abhalten, in einem ruinösen Wettbewerb die Besteuerung der Unternehmensgewinne schrittweise gegen Null zu fahren. Sie wird nicht bewirken können, dass man sich auf internationaler Ebene auf Mindeststandards einigt, und nicht verhindern können, dass man der Maximierung der Eigenkapitalrendite weiterhin das Wort redet. Noch wundern wir uns über das Fanal des radikalisierten islamistischen Mobs, der johlend die Symbole des christlichen Westens in Flammen aufgehen läßt, doch eigentlich dessen Wohlstand meint. Noch sind wir nicht mutig genug zuzugeben, dass es die Unterlegenen in einem rücksichtslos geführten Verteilungskampf um begrenzte Resourcen sind, die die folgsamen Ratten für religiös motivierte Flötisten geben. Welchem Rattenfänger werden wir nachlaufen, wenn die Wut uns aus den Fernsehsesseln und auf die Straße treibt?
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